Atesch

Wappen der Gruppe

Atesch (Ateş auf krimtatarisch, deutsch „Feuer“; russisch und ukrainisch Атеш: englische Schreibweise Atesh) ist eine bewaffnete Partisanenbewegung in den besetzten Gebieten der Ukraine sowie auf dem Staatsgebiet Russlands.[1] Sie wurde im September 2022 von Ukrainern und Krimtataren als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine gegründet.[2][3] Sie gilt als die erfolgreichste von allen hinter feindlichen Linien agierenden ukrainischen Partisanentruppen.[4]

Geschichte

Die Bewegung wurde Ende September 2022 gegründet. Am 26. September wurde auf dem offiziellen Telegram-Kanal der Eid eines „Atesch“-Kämpfers veröffentlicht, und am 29. September folgte ein Videoaufruf eines der Partisanen, sich der Gruppe anzuschließen.[5][6][7]

Bewaffnete Aktivitäten

2022

11. November: Partisanen der Bewegung behaupteten, 30 russische Soldaten in Krankenhäusern in Simferopol getötet zu haben.[8][9]

11. Dezember: Atesh übernahm die Verantwortung für die Brandstiftung an einer Kaserne mit russischen Soldaten im Dorf Sowjetske.[10]

2023

31. Januar: Partisanen erklärten, zwei Angehörige der russischen Nationalgarde getötet zu haben.[11]

10. Februar: Atesch übernahm die Verantwortung für einen Autobombenanschlag im besetzten Nowa Kachowka, bei dem zwei russische Soldaten getötet und zwei weitere ins Krankenhaus eingeliefert worden sein sollen.[12]

14. März: Atesch behauptete, den stellvertretenden Leiter der Militärverwaltung von Nowa Kachowka bei einem Bombenanschlag getötet zu haben.[13]

23. April: Atesch erklärte, einen Kontrollposten der russischen Nationalgarde bei Oleschky gesprengt zu haben, wobei mehrere Personen getötet worden seien.[14]

27. April: Partisanen behaupteten, im Dorf Welyki Kopani zwei russische Soldaten getötet zu haben.[15]

6. Mai: Partisanen übernahmen die Verantwortung für einen Anschlag auf Sachar Prilepin, einen russischen Schriftsteller und Mitglied der Partei Gerechtes Russland – Für die Wahrheit. Eine Autobombe explodierte, als er aus dem besetzten Donbass nach Russland fuhr. Der Fahrer des Fahrzeugs wurde getötet und Prilepin schwer verletzt, überlebte jedoch.[16]

14. Juli: Partisanen übernahmen die Verantwortung für einen Hinterhalt in der Oblast Cherson, bei dem zwei russische Militärlastwagen zerstört und sechs russische Soldaten getötet worden sein sollen.[17]

17. Juli: The Guardian interviewte Mustafa Abduldschemil Dschemiljew in Kiew über Atesh. Er erklärte, Atesch unterhalte einen Online-Kurs für russische Wehrpflichtige zur Durchführung von Sabotageakten, an dem sich nach seinen Angaben 4000 russische Soldaten angemeldet hätten. Zudem behauptete er, mehr als 1000 Tataren seien bereit, gegen russische Streitkräfte auf der Krim zu den Waffen zu greifen, wenn ihnen entsprechende Waffen zur Verfügung gestellt würden. Dschemiljew erklärte außerdem, er hoffe, dass nach einer Befreiung der Krim die Verfassung der Ukraine dahingehend geändert werde, die Krim in eine autonome „Nationalrepublik“ umzuwandeln, in der die Tataren als indigenes Volk einen besonderen Status erhielten.[18]

30. August: Atesch übernahm die Verantwortung für die Bombardierung eines Wahlkampfbüros der Partei Einiges Russland in Nowa Kachowka, bei der drei russische Wachleute getötet worden seien. Zudem seien Dokumente zur Unterstützung der bevorstehenden Regionalwahlen im September 2023 zerstört worden.[19]

13. September: Atsch soll an der Zerstörung des U-Boots Rostow am Don und des Landungsschiffs Minsk beteiligt gewesen sein.[20]

25. September: Atesch erklärte, Informationen geliefert zu haben, die zur Planung der Operation Crab Trap verwendet worden seien. Die Gruppe soll Informationen über die Schwarzmeerflotte erhalten haben, indem sie russische Offiziere bestach, die aufgrund ausbleibender Soldzahlungen unzufrieden gewesen seien.[21]

2024

25. Mai: Atesch übernahm die Verantwortung für einen Sabotageanschlag bei Jaroslawl. Nach Angaben der Gruppe zerstörte ein Agent Anlagen in einem Umspannwerk.[22]

5. Juli: Agenten von Atesch führten nach eigenen Angaben eine erfolgreiche Operation an der Transsibirischen Eisenbahn bei Jekaterinburg durch. Dabei sei die Eisenbahnstrecke zerstört worden, über die nordkoreanische Munition transportiert worden sei.[23]

2025

15. Februar: Kämpfer von Atesch sabotierten ein russisches Fahrzeug des Typs RP-377LA zur elektronischen Kampfführung, indem sie Zucker in dessen Kraftstofftank schütteten.[24]

24. April: Mutmaßliche Atesch-Mitglieder setzten auf einem Flugplatz in Rostow am Don eine russische Su-30SM mit der Hecknummer 35 in Brand.[25]

8. Mai: Atesch übernahm die Verantwortung für einen Sabotageanschlag bei Moskau, bei dem die Kommunikationsverbindungen mehrerer russischer Militäreinheiten gestört worden seien. Nach Angaben von Atesch zerstörte ein Agent Anlagen in einem Umspannwerk in Mogilzy.[26]

1. Juni: Kämpfer von Atesch führten am selben Tag wie die Operation Spinnennetz eine Sabotageoperation an einer Eisenbahnstrecke in der Oblast Donezk durch.[27]

21. September: Atesch führte in der russischen Stadt Smolensk eine Sabotageoperation gegen eine Eisenbahnstrecke durch, die zu einem bedeutenden Luftfahrtwerk führt, das an der Produktion von Raketen und Drohnen beteiligt ist.[28]

2026

21. Mai: Atesch-Partisanen setzten in Sankt Petersburg eine Diesellokomotive in Brand, die Erdöl transportierte.[29]

20. Juni: Atesch-Partisanen führten eine Sabotageoperation durch, bei der das Umspannwerk des Rüstungsunternehmens Atlant-Aero in Taganrog beschädigt wurde.[30]

Organisation und Struktur

Über die Führung von Atesch ist aufgrund der konspirativen Arbeitsweise der Bewegung nur wenig bekannt. Mehrere Vertreter traten in Medien unter Pseudonymen auf. Das Center for European Policy Analysis (CEPA) interviewte 2024 einen damals 28-jährigen Mann aus der Oblast Cherson unter dem Namen „Dzhokhar“, der nach eigenen Angaben die verdeckte Arbeit der Bewegung auf der besetzten Krim sowie einen Teil ihrer Medienarbeit koordinierte.[31] Das ukrainische Nachrichtenmagazin NV führte im Juni 2024 ein Interview mit einem Mann unter dem Namen „Eldar“, der sich als Leiter von Atesch bezeichnete.[32] Die tatsächlichen Identitäten der Führungspersonen und die genaue Führungsstruktur sind öffentlich nicht bekannt.

Atesch ist dezentral in weitgehend voneinander getrennten Zellen organisiert. Nach Angaben eines Koordinators der Bewegung kennen einzelne Agenten einander nicht und operieren weitgehend autonom. Die Kommunikation erfolgt überwiegend über verschlüsselte Kommunikationsdienste. Durch diese Struktur soll insbesondere die Infiltration durch russische Sicherheitsdienste erschwert werden. Zwar besteht der Kern der Gruppe aus Krimtataren, einer ethnischen Minderheit, die seit langem Unzufriedenheit mit der Herrschaft Moskaus hegt, doch gehören ihr auch Ukrainer und sogar eine Handvoll Russen und Weißrussen an.[4]

Funktional besteht die Bewegung aus einem operativen beziehungsweise militärischen Flügel und einer zivilen Komponente, der sogenannten Atesh Civil Force. Deren Mitglieder beteiligen sich nicht unmittelbar an bewaffneten Aktionen, sondern sammeln unter anderem Informationen über russische Militäreinrichtungen, Truppenbewegungen, Einberufungen, Besatzungsbehörden und Repressionsmaßnahmen. Die gewonnenen Informationen werden teilweise für eigene Operationen oder an ukrainische Stellen weitergegeben. Der operative Teil der Bewegung führt dagegen unter anderem Aufklärung, Infiltration und Sabotage durch.[20]

Nach Angaben eines Atesch-Koordinators gegenüber CEPA verfügte die Bewegung Anfang 2024 über rund 1800 Informanten, Agenten und Aktivisten.[31] Davon zu unterscheiden sind die von Atesch veröffentlichten Angaben über mehrere Tausend Teilnehmer der sogenannten Atesh School, über die unter anderem russische Militärangehörige Anleitungen zur Sabotage ihrer eigenen Ausrüstung erhalten sollen.[20]

Neue Mitglieder erhalten nach Angaben der Bewegung zunächst einfache Aufgaben und werden erst nach einer Überprüfung ihrer Zuverlässigkeit mit komplexeren Operationen betraut. Atesch versucht damit eigenen Angaben zufolge, die Einschleusung von Mitarbeitern russischer Geheimdienste zu verhindern.[31]

Commons: Atesch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Официальное заявление движения «Атеш». In: Telegram. 25. Oktober 2022, abgerufen am 19. August 2026 (russisch).
  2. Telegram: Contact @atesh_ua. In: Telegram. Abgerufen am 19. August 2026.
  3. Ukraine war: Atesh, the group spying on Russians in occupied Crimea. In: BBC News. 6. Januar 2024, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  4. a b Niko Vorobyov: The Crimean Tatar movement trying to ruin Russia’s army from within. In: Al Jazeera. 22. Januar 2026, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  5. Official statement of the Atesh movement. In: The Cyber Shafarat. Treadstone 71, 10. November 2022, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  6. Клятва воїна «Атеш». In: Telegram. 26. Oktober 2022, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  7. В окупованому Криму з’явився підпільний рух українців, кримських татар та росіян «Атеш», які руйнуватимуть армію РФ зсередини. In: Suspilne. 1. Oktober 2022, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  8. Партизани ліквідували у лікарнях Сімферополя 30 окупантів. In: Slovo i Dilo. 13. November 2022, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  9. Партизанський рух АТЕШ заявив про ліквідацію 30 окупантів у госпіталях Сімферополя: серед них були зрадники України. In: Obozrevatel. 12. November 2022, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  10. Партизани з "АТЕШ" взяли на себе відповідальність за підпал казарм у Криму. In: Suspilne. 11. Dezember 2022, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  11. Atesh guerrillas in Crimea say they blew up Russian National Guards’ car, killing two officers. In: NV. Abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  12. Движение «АТЕШ» продолжает ликвидировать оккупантов. In: Telegram. 14. Februar 2023, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).
  13. Russia–Ukraine war: grain deal can be extended by only sixty days, says Russian minister. In: The Guardian. 14. März 2023, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  14. Partisans blew up the block post of Russians near Oleshok. In: Sprotyv. Ukrainisches Verteidigungsministerium, 25. April 2023, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  15. Partisans killed two Russian soldiers who mocked Ukrainians in TOT. In: Sprotyv. Ukrainisches Verteidigungsministerium, 27. April 2023, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 1. Mai 2023; abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  16. Захар Прилепин пришел в себя в больнице. В субботу на него было совершено покушение. In: BBC News. 6. Mai 2023, abgerufen am 19. August 2026 (russisch).
  17. Partisans blow up two trucks with Russian invaders in Kherson region. In: Ukrinform. 16. Juli 2023, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  18. Julian Borger: The underground Crimean Tatar group taking up arms against Russia. In: The Guardian. 17. Juli 2023, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  19. Angelica Evans; Kateryna Stepanenko; Grace Mappes; Christina Harward; Frederick W. Kagan: Russian Offensive Campaign Assessment, August 30, 2023. In: Institute for the Study of War. Abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  20. a b c Ϊ – Ze Ukrajina! Zum Widerstand in den besetzten Gebieten. In: Ukraine-Analysen. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 19. August 2026.
  21. Jake Epstein: Russian officers who hadn’t been paid by Moscow sold key intel on the Black Sea Fleet to Ukrainian resistance fighters. Then the headquarters blew up. In: Business Insider. 26. September 2023, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  22. ATESH sabotage in Moscow region. In: X. 25. Mai 2024, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  23. Ukrainian partisans blow up railway carrying North Korean weapons. In: Yahoo News. 5. Juli 2024, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  24. Ukrainian partisans disrupt Russian electronic warfare system. In: MSN. 19. Februar 2025, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  25. Su-30SM fighter jet destroyed in Russia’s Rostov-on-Don, reports Ukraine’s intelligence – video. In: Ukrajinska Prawda. 24. April 2025, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  26. ATESH sabotage in Moscow region. In: X. 8. Mai 2025, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  27. Pro-Ukraine partisans sabotage railway in Russia-occupied Donetsk Oblast, group claims. In: The Kyiv Independent. 1. Juni 2025, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  28. Ukrainian Partisans Blow Up Strategic Rail Line in Russia’s Smolensk. Here’s What It Means for Kh-59 Missile Production. In: United24 Media. 21. September 2025, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  29. Beitrag auf Bluesky, abgerufen am 19. August 2026.
  30. Partisans damage substation in Taganrog, powering Atlant-Aero defense plant. In: Ukrinform. 21. Juni 2026, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  31. a b c Elina Beketova: Behind the Lines: Inside the Resistance Sabotaging Putin’s Plans for Ukraine. In: Center for European Policy Analysis. 8. Februar 2024, abgerufen am 19. August 2026 (englisch).
  32. Максим Бутченко: Знаменитий партизанський рух Атеш. Як організовані та чим загрожують окупантам підпільники півдня — інтерв’ю з їх керівником. In: NV. 18. Juni 2024, abgerufen am 19. August 2026 (ukrainisch).

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