Valentin Freise
Valentin Freise (* 20. Januar 1918 in Wilhelmshaven; † 6. Juni 2002 in Göttingen) war ein deutscher Chemiker (Physikalische Chemie). Er war Hochschullehrer, zuletzt an der Universität Regensburg.
Biographie
Valentin Freise war der Sohn der Kinderärzte Frieda Freise geborene Kalmanowitsch (1886–1938) und Eduard Freise (1882–1921). Seine Mutter war Tochter eines Rechtsanwalts aus Dissna in Weißrussland, sein Vater stammte aus einer Akademikerfamilie in Göttingen. Nach dem frühen Tod seines Vaters am 16. März 1921 (er starb an einem Nierenleiden, das er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte), wuchs Valentin Freise bis 1922 in Leipzig, anschließend in Stollberg und ab 1925 in Chemnitz bei seiner Mutter auf, die als promovierte und approbierte Medizinerin berufstätig war und für den gemeinsamen Lebensunterhalt aufkam.[1]
Nach dem Abitur 1937 am Humanistischen Staatsgymnasium Chemnitz, Wehrdienst und Arbeitsdienst begann Valentin Freise ein Chemiestudium an der Universität München. Da seine Mutter jüdischer Herkunft war, galt er nach der Nomenklatur der Nürnberger Gesetze als Jüdischer Mischling ersten Grades und wurde 1941/42 mit einem Studienverbot belegt, das allerdings dank des Einsatzes des Chemie-Nobelpreisträgers und Direktors des Chemischen Instituts der Universität München Heinrich Wieland nicht zum Studienabbruch führte. Wieland hatte sich von vornherein vorgenommen, die Nürnberger Gesetze zu sabotieren. Gestützt auf seine persönliche Autorität ermöglichte er Freise und anderen sogenannten „Halbjuden“ das illegale Weiterstudium. In den Büchern des Instituts wurden die Betreffenden als „Gäste des Herrn Geheimrat“ geführt. Für Wieland zählte lediglich die Semesterzahl und nicht die offizielle Immatrikulation, sodass Freise trotz des Studienverbotes am 12. März 1942 sein Vordiplomexamen erfolgreich ablegen konnte.[2]
Wegen seiner Zugehörigkeit zum Kreis um Hans Leipelt und somit zum Umfeld der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose wurde Freise zusammen mit sechs weiteren Institutsangehörigen, als erster unter ihnen Leipelt, im Oktober 1943 inhaftiert.[2] Am 13. Oktober 1944 wurde er in Donauwörth vom Zweiten Senat des Volksgerichtshofs unter Vorsitz des Volksgerichtsrats Georg Ernst Diescher zu einem Jahr Gefängnis verurteilt; die Strafe war mit der vorangegangenen einjährigen Untersuchungshaft abgegolten. Als Freise aus dem Gerichtssaal geführt wurde, war er an den im selben Prozess zum Tode verurteilten Leipelt angekettet.[2] Von November 1944 bis kurz vor Kriegsende war er zwangsdienstverpflichtet bei der Möbelbergung in München.[2][3] Das Ende des Krieges erlebte er verborgen im Haus der Landwirtin Kreszens Schesser in Iffeldorf.[4] Hier heiratete er am 9. Juli 1945 seine Münchner Kommilitonin Gerda Röttger (1919–2007), die aus Düsseldorf stammte. Das Paar bekam drei Töchter. Die Ehe wurde am 28. Oktober 1965 geschieden.[5][6] Im Dezember 1966 heiratete Valentin Freise die Oberstudienrätin Ruth Westphal (1919–2016).[7]
Valentin Freise wurde 1949 von der Universität Bonn unter Walter Weizel mit dem Thema Zur Frage der verborgenen Parameter in der Quantentheorie promoviert. Um 1950 ging er nach Göttingen, wo er bei Karl-Friedrich Bonhoeffer am Institut für Physikalische Chemie der Max-Planck-Gesellschaft tätig war. 1960 habilitierte er sich an der Universität Frankfurt am Main für das Fach Physikalische Chemie mit einer Arbeit zur diffusionsbedingten Strömung und erhielt die venia legendi.[8] Von 1966 bis 1970 war er wissenschaftlicher Rat und außerplanmäßiger Professor. Von 1970 bis 1983 wirkte Freise als Professor und Abteilungsvorsteher an der Universität Regensburg. Er befasste sich intensiv mit dem Lehrbetrieb und war von 1976 bis 1981 Vertrauensdozent des Hochschulverbandes und von 1977 bis 1978 Geschäftsführer des Instituts für Chemie der Universität Regensburg.[9]
Freise war ein kenntnisreicher und engagierter Amateurhistoriker, Numismatiker und Freund der humanistischen Bildung. Sein Interesse galt u. a. den Preußenkönigen und der Heraldik. Wegen ihres hohen Unterhaltungswertes erfreute sich seine Vorlesung zur Geschichte der Chemie bei Studenten und Doktoranden besonderer Beliebtheit.[9]
Seinen Lebensabend verlebte Freise mit seiner zweiten Ehefrau im GDA-Wohnstift in der Charlottenburger Straße in Göttingen, in dem mehrere emeritierte Professoren wohnten, die regelmäßig reihum Vorträge über ihre früheren Arbeitsgebiete hielten, darunter auch Friedrich Hund.[10]
Forschungsgebiete
- Thermodynamik von Multiphasensystemen
- Dampfdruck an gekrümmten Oberflächen
- Diffusion und Selbstdiffusion insbesondere von Elektrolyten
Schriften (Auswahl)
- Chemische Thermodynamik. 2. Auflage. B.I.-Wissenschaftsverlag, Mannheim/Wien/Zürich 1972, ISBN 3-411-00213-1.
Weblinks
- Schriftverkehr von Freise
- Informationen zum Film DIE WIDERSTÄNDIGEN mit Freise als Zeitzeuge
- Bild von Freise
Einzelnachweise
- ↑ Jürgen Nitsche: Die Stadtschulärztin Dr. Frieda Freise (1886–1938) und die „Chemnitzer Mütterschule“. Eine Medizinerin mit jüdischen Wurzeln. In: Caris-Petra Heidel (Hrsg.): Die Frau im Judentum. Jüdische Frauen in der Medizin. Schriftenreihe Medizin und Judentum, Bd. 12, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-86321-221-6, S. 149–154.
- ↑ a b c d Institut für Zeitgeschichte: Archiv: Zeugenschrifttum Nr. 3065. Abgerufen am 7. Februar 2025.
- ↑ NS Doku München. Abgerufen am 8. Februar 2025.
- ↑ Die Unterkunft hatte ihm wahrscheinlich Rudolf Hüttel vermittelt. Vergleiche Freddy Litten: ‘Er half weil er sich als Mensch und Gegner des Nationalsozialismus dazu bewogen Fühlte‘ - Rudolf Hüttel (9.7.1912-12.10.1993). In: Mitteilungen, Gesellschaft Deutscher Chemiker, Fachgruppe Geschichte der Chemie, Band 14 (1998). Abgerufen am 13. Juni 2026.
- ↑ Heiratsurkunde des Standesamts Iffeldorf nebst Nachträgen, Kopie in Privatbesitz.
- ↑ Gerda Freise nahm 1960 ein Zweitstudium an der Pädagogischen Hochschule Göttingen auf, war anschließend als Lehrerin beschäftigt, bekam 1966 eine Dozentur für „Chemie und ihre Didaktik“ an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und wurde 1974 auf eine Professur für „Erziehungswissenschaften unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der Chemie“ an der Universität Hamburg berufen, wo sie bis zu ihrer Emeritierung 1984 tätig war. (Universität Hamburg, Fachbereich Chemie: Kurzbiographie und Publikationen von Gerda Freise (1919-2007). Abgerufen am 13. Juni 2026.)
- ↑ Familienanzeigen, Aufgebote. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. Dezember 1966, S. 51.
- ↑ Junge Dozenten berufen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30. März 1960, S. 15.
- ↑ a b Chronik der Chemie und Pharmazie der Universität Regensburg: 1968–2010. Abgerufen am 7. Februar 2025.
- ↑ Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen: Nachlass Friedrich Hund. Abgerufen am 8. Februar 2025.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Freise, Valentin |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Chemiker (Physikalische Chemie) |
| GEBURTSDATUM | 20. Januar 1918 |
| GEBURTSORT | Wilhelmshaven |
| STERBEDATUM | 6. Juni 2002 |
| STERBEORT | Göttingen |
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