Tiddis

Tiddis

Tiddis ist eine antike Siedlung in Numidien im heutigen Algerien. Sie liegt oberhalb der Schluchten des Rhumel, etwa 16 Kilometer nordwestlich von Cirta (heute Constantine). In römischer Zeit gehörte Tiddis zu den von Cirta abhängigen Gemeinden. Inschriften nennen die Gemeinde als Castellum Tidditanorum, res publica Tidditanorum und später als res publica Castelli Tidditanorum.[1]

Die Besiedlung reicht in vorrömische Zeit zurück. Davon zeugen vor allem die Nekropolen und ihr keramisches Inventar sowie Importfunde. In der Kaiserzeit wurde der steile Osthang dicht bebaut; Straßen, Terrassen und Gebäude wurden der Topographie angepasst. Für die Spätantike sind eine christliche Gemeinde und weitere bauliche Veränderungen belegt.

Lage und Topographie

Tiddis liegt am Kheneg auf einem felsigen, von tief eingeschnittenen Schluchten des Rhumel begrenzten Höhenzug. Das Gelände steigt innerhalb des Fundplatzes von ungefähr 455 m auf etwa 575 m an. Die zusammenhängende antike Bebauung wurde vor allem am Osthang freigelegt.[2] Teile des westlichen und südlichen Plateaus sind bis heute nur wenig archäologisch untersucht.[3]

Die Straßenführung folgt der starken Hangneigung. Die als cardo bezeichnete Hauptstraße zieht sich in Windungen vom nördlichen Zugang durch den bebauten Osthang in Richtung des Forums. Eine große Treppe mit 38 Stufen und fünf Absätzen verband unterschiedliche Höhenniveaus des Stadtgebiets.[4]

Geschichte

In der östlichen Nekropole wurden mehrere Formen protohistorischer Bestattungen festgestellt: Grabkreise, Höhlenbestattungen, rechteckige Grubengräber und Bazinas.[5] Vier untersuchte Grubengräber enthielten etwa vierzig handgeformte Gefäße. Zu den Funden gehören ein bemaltes kelchförmiges Gefäß und ein dreifüßiges Gefäß, dessen Füße als menschliche Köpfe gestaltet sind.[6]

Auch importierte Waren sind bereits für die vorrömische Zeit belegt. In Tiddis wurden rhodische Amphoren gefunden, die dem Transport von Wein aus Rhodos dienten und in das letzte Viertel des 3. sowie in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert werden.[7] Punische Stelen sowie campanische beziehungsweise arretinische Keramik gehören ebenfalls zum Fundspektrum des Ortes.[8]

In römischer Zeit gehörte Tiddis zu den von Cirta abhängigen Gemeinden. Unter Septimius Severus erscheint in mehreren Inschriften die Bezeichnung res publica Tidditanorum, während eine Inschrift aus der Regierungszeit des Severus Alexander das Castellum Tidditanorum nennt.[1] Der Begriff res publica lässt für sich allein keinen Schluss auf den Rechtsstatus der Gemeinde zu.[9] Gascou ordnet die castella der cirtensischen Konföderation vielmehr in die Verwaltungsstruktur der pagi ein.[10]

Eine Widmung an Gordian III. aus dem Jahr 239 nennt die res publica Castelli Tidditanorum. Sie wurde auf Beschluss der Dekurionen und aus öffentlichen Mitteln errichtet.[11]

Unter Severus Alexander bestanden in Tiddis periodische Märkte (nundinae). Sie fanden zweimal monatlich statt, jeweils am Tag vor den Kalenden und vor den Iden. Die Einrichtung wurde vom Statthalter Publius Iulius Iunianus Martialianus genehmigt.[12]

Eng mit Tiddis verbunden war der Senator und Heerführer Quintus Lollius Urbicus. Die Dekurionen des Castellum Tidditanorum ehrten ihn als patronus der Gemeinde.[13][14] Nördlich von Tiddis liegt bei El Héri ein Mausoleum, dessen Inschrift seinen Vater Marcus Lollius Senecio, seine Mutter Grania Honorata, seine Brüder Lucius Lollius Senecio und Marcus Lollius Honoratus sowie seinen Onkel Publius Granius Paulus nennt.[15][16] Dass Urbicus selbst aus Tiddis stammte, ist nicht gesichert. Gascou weist darauf hin, dass die ältere Bezeichnung von Tiddis als seine patria ohne nähere Begründung übernommen wurde, und erwägt auch eine Herkunft aus der Umgebung von El Héri.[17]

Stadtbild, Wirtschaft und Wasserversorgung

Das römische Stadtgebiet erstreckte sich terrassenartig über den Osthang. Der cardo verlief vom Nordtor durch den dicht bebauten Hang in Richtung des Forums.[2] Forum, Straßenbögen, Thermen und die große Zisternenanlage gehören zu den architektonisch vergleichsweise sicher bestimmbaren Bauten. Bei anderen traditionellen Benennungen von Gebäuden und Heiligtümern ist die Zuordnung weniger eindeutig.[18]

Für die Textilverarbeitung sind zehn als fullonicae, also Walkereien, bestimmte Werkstätten bekannt. Die Anlagen werden frühestens in das 3. und spätestens in das 5. Jahrhundert n. Chr. datiert.[19] Brunnen sind in diesen Werkstätten nicht nachgewiesen. Bei mindestens zwei Anlagen haben sich dagegen Reste von Wasserleitungen erhalten.[20] Eine Werkstatt besaß eine Tonrohrleitung, eine andere eine Bleileitung, die von einer benachbarten Zisterne kam.[20]

Im oberen Stadtbereich befindet sich eine etwa 20 × 13 m große Anlage aus drei miteinander verbundenen Zisternen. Das vom Hang kommende Wasser wurde über Kanäle und kleine Absetzbecken gesammelt.[21] Daneben sind kleinere Zisternen und weitere Wasserzuführungen nachgewiesen.[22]

Eine Inschrift aus den Jahren 251–253 berichtet von Arbeiten, bei denen Schutt beseitigt und der Fels bearbeitet wurde, damit Wasser ad salutem populi, zum Wohl der Bevölkerung, gesammelt werden konnte. Verantwortlich war Marcus Cocceius Anicius Faustus Flavianus.[23] Vannesse interpretiert die Arbeiten als Maßnahmen zur Sammlung von Regenwasser und bringt sie mit drei benachbarten Zisternen von zusammen ungefähr 350 m³ Fassungsvermögen in Verbindung. Nach seiner Interpretation bezieht sich die Inschrift nicht auf den Bau eines Aquädukts.[23]

Kulte und Christentum

Aus Tiddis ist ein umfangreicher Bestand punischer, neupunischer und römischer Votivstelen bekannt, die mit Baal-Hammon beziehungsweise dem römisch-afrikanischen Saturnus verbunden werden.[24] Auffällig ist das Motiv einer Leiter: Von 33 von Werner Huß untersuchten neupunischen beziehungsweise römischen Votivstelen mit diesem Motiv stammen 26 aus Tiddis. Huß deutete die Leiter als Symbol des Übergangs zwischen irdischer und himmlischer Sphäre und führte sie eher auf eine punische beziehungsweise neupunische Bildtradition zurück; Marcel Le Glay hatte zuvor einen möglichen Einfluss aus Kampanien erwogen.[25]

Der Kult des Mithras ist epigraphisch bezeugt. Eine Inschrift nennt cultores, die auf eigene Kosten einen Bau von Grund auf errichten ließen; I. M. wird als I(nvicto) M(ithrae) ergänzt (ILAlg II 3576).[26] Die traditionelle Identifizierung einer Felsanlage nahe dem Nordtor als Mithräum wird in der neueren Forschung jedoch in Frage gestellt.[27]

Für 484 ist mit Abundius Tidditanus ein Bischof von Tiddis bezeugt.[28] Archäologisch sind eine dreischiffige Basilika, zwei Baptisterien und christliche Bestattungen nachgewiesen.[29] Eine spätere Befestigungsphase wird aufgrund von sieben Münzfunden ungefähr in die Jahre 535 bis 645 und damit in die byzantinische Zeit datiert.[30] Der antike Bischofssitz wird in der römisch-katholischen Kirche als Titularbistum Tiddi fortgeführt.[31]

Forschungsgeschichte

Im 19. Jahrhundert waren die Ruinen hauptsächlich unter dem Namen Kreneg beziehungsweise Kheneg bekannt. 1852 identifizierten Léon Renier und der französische Offizier Creuly den Ort anhand der dort gefundenen Inschriften als das antike Tiddis.[32] Die Identifizierung war bereits 1853 publiziert worden, geriet später jedoch weitgehend in Vergessenheit.[33]

Cherbonneau führte in den frühen 1860er Jahren weitere Untersuchungen durch. Er ließ unter anderem Schutt am östlichen Stadttor beseitigen und untersuchte die außerhalb der Befestigung gelegene Nekropole.[34]

Die systematischen Ausgrabungen unter André Berthier begannen am 7. Januar 1941; seine Arbeiten am Fundplatz erstreckten sich in der Folge über rund drei Jahrzehnte.[35] Im Frühjahr 1966 führte Roger Guéry punktuelle stratigraphische Tiefgrabungen durch, die zusätzliche Hinweise zur Siedlungsgeschichte lieferten.[33]

Berthiers 2000 erschienene Monographie Tiddis. Cité antique de Numidie bildet die umfangreichste Gesamtdarstellung seiner Arbeiten am Fundplatz.[36] Kleinwächter kritisierte jedoch unter anderem die unzureichende Ausweisung verschiedener Bauphasen, teilweise unsichere Benennungen von Gebäuden und Heiligtümern sowie Datierungen, die mitunter auf hypothetischen Verbindungen zu epigraphisch bekannten Personen beruhen.[18] Neuere Untersuchungen haben einzelne Aspekte der Baugeschichte, der Wasserversorgung und der traditionellen Deutung bestimmter Heiligtümer erneut geprüft.

Literatur

  • André Berthier: Tiddis. Cité antique de Numidie. Mémoires de l’Académie des inscriptions et belles-lettres 20. De Boccard, Paris 2000.
  • Jean Bussière: Quatre sépultures berbères protohistoriques de la nécropole orientale de Tiddis (Algérie). In: Antiquités africaines. Band 34, 1998, S. 31–43, doi:10.3406/antaf.1998.1281.
  • Jacques Gascou: Pagus et castellum dans la Confédération Cirtéenne. In: Antiquités africaines. Band 19, 1983, S. 175–207, doi:10.3406/antaf.1983.1096.
  • Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543.
  • Salima Siada: Réexamen du mithraeum nord de Tiddis et essai d’identification de la structure sur la terrasse supérieure. In: La Revue d’études archéologiques. Band 22, Nr. 1, 2024, S. 450–476.
  • Paul-Albert Février: Castellum Tidditanorum (Tiddis). Algeria. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).

Einzelnachweise

  1. a b Jacques Gascou: Pagus et castellum dans la Confédération Cirtéenne. In: Antiquités africaines. Band 19, 1983, S. 175–207, hier S. 180–181, doi:10.3406/antaf.1983.1096. Dort unter anderem: „Une inscription de l’époque de Sévère Alexandre […] mentionne le Castellum Tidditanorum.“
  2. a b Salima Siada: Réexamen du mithraeum nord de Tiddis et essai d’identification de la structure sur la terrasse supérieure. In: La Revue d’études archéologiques. Band 22, Nr. 1, 2024, S. 450–476, hier S. 451–453. Zur Lage S. 451: „Le site de Tiddis […] se déploie sur un plateau bordé par les gorges abruptes du Kheneg que sillonne l’oued Rhumel.“
  3. Siada 2024, S. 452–453.
  4. Siada 2024, S. 452–453.
  5. Jean Bussière: Quatre sépultures berbères protohistoriques de la nécropole orientale de Tiddis (Algérie). In: Antiquités africaines. Band 34, 1998, S. 31–43, hier S. 31, doi:10.3406/antaf.1998.1281.
  6. Bussière 1998, S. 32.
  7. Khaoula Bennour: The Numidian Country and Its Commercial and Economic Opening on the Mediterranean Basin and Its Southern Prolongation. In: Martin Bentz, Michael Heinzelmann (Hrsg.): Archaeology and Economy in the Ancient World. Proceedings of the 19th International Congress of Classical Archaeology, Cologne/Bonn 2018. Volume 55. Propylaeum, Heidelberg 2023, S. 275–287, hier S. 280, doi:10.11588/propylaeum.1035.c14078. Dort: „Rhodian amphorae are also known in Cirta and Tiddis, which were used to transport Rhodian wine.“
  8. Paul-Albert Février: Les Origines de l’habitat urbain en Maurétanie césarienne. In: Journal des Savants. 1967, S. 107–123, hier S. 120.
  9. Jacques Gascou: L’emploi du terme respublica dans l’épigraphie latine d’Afrique. In: Mélanges de l’École française de Rome. Antiquité. Band 91, Nr. 1, 1979, S. 383–398, besonders S. 395, doi:10.3406/mefr.1979.1193.
  10. Jacques Gascou: Pagus et castellum dans la Confédération Cirtéenne. In: Antiquités africaines. Band 19, 1983, S. 175–207, besonders S. 175–180 und 197–205, doi:10.3406/antaf.1983.1096.
  11. Jean Marcillet-Jaubert: Quelques inscriptions latines d’Algérie. In: Antiquités africaines. Band 3, 1969, S. 145–156, hier S. 145–148, doi:10.3406/antaf.1969.902.
  12. Brent D. Shaw: Rural Markets in North Africa and the Political Economy of the Roman Empire. In: Antiquités africaines. Band 17, 1981, S. 37–83, hier S. 66, doi:10.3406/antaf.1981.1072.
  13. CIL 8, 6706
  14. Gascou 1983, S. 180 Anm. 31: „Il est pareillement honoré comme patron […] par les décurions du Castellum Tidditanorum.“
  15. CIL 8, 6705
  16. Charles Tissot: Géographie comparée de la province romaine d’Afrique. Band 2, Imprimerie nationale, Paris 1888, S. 397.
  17. Gascou 1983, S. 180 Anm. 31.
  18. a b Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543, hier S. 542.
  19. Touatia Amraoui: Alimentation et gestion de l’eau dans les ateliers antiques de Numidie : le cas des fullonicae. In: Véronique Brouquier-Reddé, Frédéric Hurlet (Hrsg.): L’eau dans les villes du Maghreb et leur territoire à l’époque romaine. Mémoires 54, Ausonius, Bordeaux 2018, S. 215–224, hier S. 215 und 219–220.
  20. a b Amraoui 2018, S. 219–220. Zu den Walkereien von Tiddis heißt es: „aucun puits n’est signalé“.
  21. Touatia Amraoui 2018, S. 217–218.
  22. Amraoui 2018, S. 217–220.
  23. a b Michaël Vannesse: Les usages de l’eau courante dans les villes romaines : le témoignage de l’épigraphie. In: Latomus. Band 71, Nr. 2, 2012, S. 469–493, hier S. 474–475. Die Inschrift AE 1946, 61 = ILAlg II 3596 enthält die Formulierung „ad salutem populi aquam excipi providit“.
  24. André Berthier, Marcel Le Glay: Le sanctuaire du sommet et les stèles à Baal-Saturne de Tiddis. In: Libyca. Archéologie-Épigraphie. Band 6, 1958, S. 23–58.
  25. Werner Huß: Die Leiter als Symbol im punischen und neupunischen Bereich. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. Band 106, 1990, S. 172–174.
  26. Salima Siada: Réexamen du mithraeum nord de Tiddis et essai d’identification de la structure sur la terrasse supérieure. In: La Revue d’études archéologiques. Band 22, Nr. 1, 2024, S. 450–476, hier S. 456. Wiedergabe der Inschrift: „I(nvicto) M(ithrae) […] de suo a solo aedificarun(t)“.
  27. Siada 2024, S. 454–460.
  28. Hamida Fourali: تيديس في الفترة المسيحية القديمة [Tiddis in der frühchristlichen Zeit]. In: المجلة التاريخية الجزائرية. Band 5, Nr. 2, 2021, S. 217–234, hier S. 218.
  29. Fourali 2021, S. 220; Salima Siada 2024, S. 468.
  30. Fourali 2021, S. 231.
  31. Tiddi (Titular See) bei Catholic-Hierarchy.org.
  32. J. Marchand: Inscriptions latines trouvées à Kreneg (province de Constantine). In: Annuaire de la Société archéologique de la province de Constantine. 1854–1855, S. 129–146, hier S. 129. Marchand schreibt über den antiken Namen, er sei „découvert en 1852 par deux archéologues distingués, MM. Léon Renier et Creuly“.
  33. a b Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543, hier S. 540.
  34. Auguste Cherbonneau: Rapport sur les fouilles du Kreneg (Tiddi et Calda). Inscriptions romaines inédites. In: Recueil des notices et mémoires de la Société archéologique de la province de Constantine. Band 7, 1863, S. 170–213, hier S. 170–173. Cherbonneau berichtet: „Après avoir remué les décombres entassés sous la porte orientale et dans l’enceinte de la ville […]“.
  35. Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543, hier S. 539–540; Salima Siada 2024, S. 451.
  36. Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543, hier S. 539–540.

Koordinaten: 36° 28′ N, 6° 29′ O

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