Peter Kinzing

Schreibschrank aus der Werkstatt David Roentgen mit der Uhr von Peter Kinzing, Neuwied 1779, Kunstgewerbemuseum Berlin

Peter Kinzing, auch Peter IV. Kinzing (* 21. Dezember 1745 in Neuwied; † 1. Januar 1816 in Mannheim) war ein deutscher Uhrmacher und Mechaniker.

Herkunft

Peter Kinzing entstammte der Uhrmacherfamilie Kinzing (Kintzing), die der Religionsgemeinschaft der Mennoniten in Neuwied angehörten. Er war der ältere von zwei Kindern des Uhrmacher und Orgelbauer Christian I. Kintzing (1702–1804) und Elisabeth, geb. Rupp (1718–1794). Bedeutende Mitglieder dieser Familie waren Christian Kintzing (1707–1804) und Peter IV. Kinzing (1745–1816). Sein Bruder war Johannes V. (* nach 1745; † 1806), sein Großvater der Müller und Branntweinbrenner Johannes Kinzing (1618–1769).aus Neuwied und sein Onkel der Orgelbauer Peter III. Kinzing (1709–1743).

Berühmtheit in Europa erlangte die Familie Kin(t)zing im 18. Jahrhundert durch die Zusammenarbeit mit der Kunstschreinerfamilie um Abraham und David Roentgen. Ab 1770 gab es intensive Zusammenarbeit der Uhrmacherwerkstatt Kinzing und der Schreinerwerkstatt Roentgen.

Der Onkel, Peter III., gründete mit seinem Bruder Christian I., Vater von Peter IV:, eine Uhrmacherwerkstatt. Dass es in der noch jungen Stadt Neuwied, anders als etwa in Augsburg oder Nürnberg, keine Uhrmacherzunft mit festen Regeln für die Ausbildung der Lehrlinge oder die abzuliefernden Meisterstücke gab, erleichterte den Beginn.

Eine der frühesten erhaltenen und berühmtesten Werke, ist die zwischen 1751 und 1755 im Auftrag des in Neuwied geborenen, anhaltinischen Hofrats Wilhelm Friedrich Hüsgen (1662–1766) gebaute Astronomische Bodenstanduhr. Sie ist mit Fratres Kintzinger Artifices Autodidacti fecerunt („Autodidaktische Handwerker“) signiert, und steht heute im Frankfurter Goethe-Haus als "Hüsgen-Uhr“. Sie besitzt neben einem Ausgleich für Schaltjahre Anzeigen für die Zeit und das Datum den Sonnen- und Mondstand, die Tierkreiszeichen sowie die Tages- und Nachtlängen. Sie wird von Johann Wolfgang von Goethe, der sie noch bei Hüsgen erlebte, in Dichtung und Wahrheit als „für damalige Zeiten wenigstens wundersame Uhr“ beschrieben.

Leben und Wirken

Peter IV. Kinzing war herzoglich-nassauischer Hofuhrmacher und königlich französischer Hofuhrmacher und Mechanicus.

1762 trat er, 17-jährig, in die Werkstatt des Vaters ein, gleich mit dem Recht, von ihm gefertigte Stücke mit einer eigenen Signatur zu versehen. Den ersten Beweis dafür liefert ein Aufsatz-Klappschreibschrank der Roentgen-Manufaktur von 1762 für die Zarin Katharina II. (Regierungszeit 1762–1796). Die zum Schreibschrank gehörende Stutzuhr ist unterhalb des Zifferblatts mit „Kinzing Newid No 1“ signiert. Peter IV. bevorzugt diese Schreibweise des Namens, im Gegensatz zum „Kintzing“ seines Vaters. Zum Kundenkreis gehörten neben der Zarin, der französische König Ludwig XVI. und der spätere preußische König Friedrich Wilhelm II. (Preußen).

Berühmtheit in Europa erlangte die Familie Kin(t)zing ab 1770 durch die intensive Zusammenarbeit mit der Kunstschreinerfamilie um Abraham und David Roentgen, mit denen bereits eine partnerschaftliche Beziehung zwischen den Vätern bestand.

David Roentgen
Der Automat La Joueuse de tympanon

Zusammen mit David Roentgen reiste er mehrfach nach Paris, wo er durch Marie-Antoinette zum horloger de la reine („Uhrmacher der Königin“) ernannt wurde. Unter anderem fertigten Kinzing und Roentgen für Marie-Antoinette den mechanischen Musikautomaten La Joueuse de tympanon[1], der als Gipfel der damaligen Technik galt. Marie Antoinette machte sie am 4. März 1785 der Académie française zum Geschenk. Heute ist die Zimbalspielerin im Musée des Arts et Métiers in Paris untergebracht. Den Kontakt zum französischen Hof zu Marie-Antoinette und Ludwig XVI. konnte David Roentgen durch Vermittlung des österreichischen Diplomaten Graf Florimond Claude von Mercy-Argenteau (1727–1794) herstellen. Dieser war bereits Kunde von Roentgen und intimer Berater von Marie Antoinette.

Apollo-Boden-Standuhr, um 1785 für die Gräfin Schuwalowa gefertigt'

Schon 1778 fertigte die Roentgen-Manufaktur eine große Standuhr für den Reichsgrafen von Mercy-Argenteau. Auf dessen Wunsch baute der Uhrmacher Kinzig 1778 das Uhrwerk um und konnte es mit acht neuen von Christoph Willibald Gluck arrangierten Musikstücken ausstatten. Kinzing fertigte ebenfalls Präzisions Pendulen (Tisch(Pendel)uhren).

Nach 1785 kam es zum Bau einer Serie von Musikuhren mit Orgel und Zymbal (Cymbal lat.). Neben dem französischen Hof war die russische Zarin Katharina II. die wichtigste Kundin von David Roentgen und Peter Kinzing. Uhren, Uhrenmöbel und Klaviere wurden ab 1785 in großem Umfang und zu Höchstpreisen nach St. Petersburg geliefert. Hierzu gehören zum Beispiel ein Apollo-Schreibtisch mit Spielwerken und Verwandlungstechniken, ein Zylinderbureau mit Uhr- und Glockenspiel, zwei Pendeluhren, die „laut und leise auf Flöten und einem Clavecin mit 8 Zylindern spielen“ sowie ein Exemplar der so genannten Apollouhr für die Gräfin Jekaterina Petrowna Schuwalowa – eine Standuhr in Form eines antiken Monuments im Stil des damals hochmodernen Klassizismus, heute ist es Prunkstück der umfangreichen Roentgen-Sammlung des Roentgen-Museums in Neuwied.

Uhren von Kinzing befinden sich in den Sammlungen bedeutender Museen weltweit. Uhrenzifferblätter sind oft mit Roentgen & Kinzing signiert. Nach Auflösung der Roentgen-Manufaktur wurden viele Zifferblätter der Uhren mit Gebrüder Kinzing & Comp. in Neuwied signiert.

Peter IV. Kiunzing starb im Alter von 70 Jahren am 1. Januar 1816, wie das evangelisch-reformierte Kirchenbuch der Stadt Neuwied verzeichnet, an Abzehrung. Die Kinzing-Werkstatt wurde von seinen Söhnen Christian III. und Carl fortgeführt.

Familie

Peter Kinzing heiratete 1777 Maria Magdalena Sabina, geb. Metz, Tochter des Bäckers Anton Caesar Metz. Das Ehepaar hatte drei Kinder:

  • Christian (1778–1861) führte die Uhrmacherwerkstatt des Vaters bis 1833 weiter
  • Carl (1781–1840)
  • Elisabeth (* 11. April 1785; † 8. April 1832) ⚭ Abraham Friedenreich (* 22. Juli 1782; † 31. Januar 1864), Kaufmann, Vorsteher der Mennoniten-Gemeinde Neuwied
    • Anna Sabine Auguste (* 7. März 1819; † 10. Dezember 1897), ⚭ 10. Juli 1838 in Neuwied Franz Georg Berninger (* 29. Mai 1806; † 14. Mai 1884 Neuwied)

Literatur

  • Fabian, Dietrich: Kinzing und Roentgen-Uhren aus Neuwied; 1984, ISBN 3-922923-28-3
  • Fabian, Dietrich: Entwicklung der Bodenstaduhren in der Roentgenwerkstatt; Sonderdrucke aus der Schweizerischen Schreinerzeitung 44/45; Zürich 1981
  • Kreismuseum Neuwied: Kinzing & Co. Innovative Uhren aus der Provinz; Neuwied 2003; ISBN 3-00-012149-8
  • W. F. Schmidt u. a.: Kinzing u. Roentgen. Uhren aus Neuwied. Leben u. Werk der Uhrenmacherfamilien Kinzing u. der Kunstschreiner Abraham u. David Roentgen; Bad Neustadt 1984
  • Löber, Ulrich; Wilbert, Karl-Jürgen: Meisterwerke – 2000 Jahre Handwerk am Mittelrhein; Ausstellungskatalog der HWK Koblenz und des Landesmuseum Koblenz; Band 8: Uhren; Koblenz 1992; ISBN 3-925915-38-9
  • F. J. Giesbert, Die Wiederherstellung der Roentgen-Kinzing-Uhr, Heimatkanlender 1966 des Landkreises Neuwied, S. 41
  • Anton Lübke, Die Uhrmacher des Kunstschreineers David Roentgen, Heimatkalender 1967 des Landkreises Neuwied, S. 62
  • Anton Lübke, Die Uhrmacher des Kunstschreineers David Roentgen, Heimatkalender 1968 des Landkreises Neuwied, S. 98
  • Franz Heydorn, Zweihundertjährige Kinzing-Standuhr in Dierdorf, Heimat-Jahrbuch 1972 des Landkreises Neuwied, S. 94
  • Ian D. Fowler, Die Einflüsse Kinzings in Neuwied auf spätere Uhrmacherwerkstätten, Heimat-Jahrbuch 2005 Landkreis Neuwied S. 193
  • Bernd Willscheid, Neuwieder Uhren für das kreismuseum, Heimat-Jahrbuch 2007 Landkreis Neuwied, S. 157
Commons: Peter Kinzing – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Le MuAM - Musée des Arts et Métiers[1]

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