Orlan

Orlan (* 30. Mai 1947 in Saint-Étienne als Mireille Suzanne Francette Porte), Eigenschreibweise ORLAN, ist eine französische Künstlerin. Sie ist eine wichtige Vertreterin von Body-Art und Performance-Kunst und Begründerin der sogenannten Carnal Art. Sie lebt und arbeitet in Los Angeles, New York und Paris.
Werk
Orlan setzt seit den 1970er Jahren den eigenen Körper als Material künstlerischen Wirkens ein. 1976 ging sie in einer Tunika durch den öffentlichen Raum, auf die ihr nackter Körper gedruckt war.[1] In Portugal bot sie zur selben Zeit auf einem Markt ausgeschnittene Fotografien einzelner Körperteile von sich selbst an.[1] 1977 führte sie auf der FIAC im Grand Palais die Performance Le Baiser de l’artiste auf, bei der Besucher für fünf Francs einen Kuss der Künstlerin erwerben konnten.[1] Die Arbeit war eine feministische Kommentierung von Prostitution und Kunstmarkt und führte zu großer Bekanntheit, aber auch zum Verlust ihrer damaligen Anstellung.[1]
Von 1978 bis 1983 organisierte Orlan in Lyon ein internationales Symposium für Performancekunst.[1] Als sie 1979 während der zweiten Ausgabe dieses Symposiums notfallmäßig operiert werden musste, ließ sie den Eingriff filmen und noch vor ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus im Espace lyonnais d’art contemporain zeigen.[1] In der Folge wurden Operationssäle ein wichtiger Ort ihrer künstlerischen Arbeit.[1] Ihr Gesicht wurde durch plastische Chirurgie bzw. ästhetische Chirurgie verändert, wobei sie nicht den üblichen Schönheitsnormen folgte, sondern diese durch sichtbare Eingriffe in Frage stellte.[1] 1990 ließ sie bei einer Operation in Paris den Operationssaal mit weißen Blumen ausstatten und die Beteiligten von einer Stylistin einkleiden.[1] Fünf Tage später ließ sie sich unter dem Kinn eine Prothese einsetzen und las währenddessen einen Text von Julia Kristeva.[1] 1993 erhielt sie die markanten Implantate an der Stirn, die bei einer Operation eingesetzt wurden, die live an Orte der Gegenwartskunst übertragen wurde, darunter das Centre Georges-Pompidou.[1]
In dem Projekt The Reincarnation of Saint Orlan bezog sie sich auf weibliche Figuren der Kunstgeschichte, darunter die Mona Lisa, François Bouchers Europa und Botticellis Venus.[2] Orlan sucht damit Vorbilder aus der Kunstgeschichte, berühmte Frauengestalten, die im kollektiven Bildgedächtnis vorhanden sind. Sie besteht auf dem Recht zur Veränderung des eigenen Körpers, da die technologischen Veränderungen der Gesellschaft Möglichkeiten bereitstellen, das standardisierte Ideal der Frau – schön, jung und schlank – zu durchbrechen, und das Recht auf die Gestaltung des eigenen Körpers nach eigenen Vorstellungen noch einzufordern sei. Mit der Interpretation von Fleisch als Material der Kunst versucht sie eine Debatte über diese tabuisierten Themen anzuregen.
Neben ihren chirurgischen Performances arbeitet Orlan auch fotografisch und mit digitalen Verfahren. In den Self-Hybridations zeigt sie sich mit Zeichen, Maskierungen und Kostümen aus unterschiedlichen kulturellen und historischen Bildwelten, darunter Bezüge auf indigene Kulturen Amerikas und präkolumbische Priesterfiguren.[1] Diese Arbeiten setzen ihre Auseinandersetzung mit Körperbildern, Maskierung, Aneignung und kunsthistorischen Darstellungskonventionen in fotografischer Form fort.[1] Später entwickelte sie auch Arbeiten, die sie als Bio-Art bezeichnete, etwa Harlequin’s Coat, für das sie mit einem Labor an Zellkulturen arbeitete und diese in Videoprojektionen überführte.[2] In jüngerer Zeit wandte sie sich außerdem künstlicher Intelligenz und Robotik zu und entwickelte einen humanoiden Roboter mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme.[2]
1989 malte sie eine Paraphrase von Gustave Courbets Bild L’origine du monde (Der Ursprung der Welt) und nannte es L’origine de la guerre (Der Ursprung des Krieges). Das Bild ist in Komposition und Perspektive jenem von Courbet nachempfunden, nur ist es kein weiblicher Akt, sondern ein männlicher, und die dem Betrachter zugewandte Vulva ist durch einen Phallus ersetzt. Das Werk wurde unter anderem zum hundertjährigen Gedenken nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einer Ausstellung in Besançon gezeigt.
2007 widmete das Musée d’art moderne de Saint-Étienne Orlan in ihrer Geburtsstadt eine Retrospektive unter dem Titel Orlan, le récit.[1] 2016 unterlag Orlan in einem Rechtsstreit gegen Lady Gaga, in dem sie geltend gemacht hatte, Motive aus ihren Arbeiten Bumpload von 1989 und Woman with Head von 1996 seien für das Album Born This Way und das gleichnamige Musikvideo übernommen worden.[3] Das Gericht kam zu dem Ergebnis, dass eine künstlerische Installation nicht allein auf ihre physischen Elemente reduziert werden könne, und Orlan kündigte an, Berufung einzulegen.[3] 2026 wählte der Louvre Orlan als Gastdozentin seiner Reihe Artist Lessons aus, in der sie in drei Vorträgen die Darstellung, Idealisierung, Veränderung und Zensur des Körpers in der Kunst behandelte.[2] Ihr erster Vortrag in dieser Reihe trug den Titel The Museum and Art History: Stem Cells of Our New Images und stellte einen Zusammenhang zwischen Kunstgeschichte, Wissenschaft und Medizintechnologien her.[2] Der zweite Vortrag, Naked and Hairless, behandelte Akte und griff dabei auf Werke aus der Sammlung des Louvre zurück.[2]
Auszeichnungen (Auswahl)
- 2007 Goldmedaille der Stadt Saint-Étienne
- 2006–2007 Forschungsstipendium am Getty Research Institute in Los Angeles
- 2003 Chevalier de l’ordre des Arts et des Lettres des französischen Kulturministeriums
- 1999 Arcimboldo Preis für Digitale Fotografie, Paris; Erster Preis Griffelkunst-Vereinigung Hamburg; Erster Preis des Moscow Festival of Photography
- 1992 F.I.A.C.R.E. Stipendium für die Lallit Kala Académie, Madras, Indien
- 1989 F.I.A.C.R.E. Forschungsstipendium in Indien
- 1984 Auszeichnung für die Ausstellung « Grand Canal Video, étude documentaire » – n°2 « La lumière baignant les anges baroques » – n°11 « Mise en scène pour un grand fiat » Locarno Festival, Schweiz
- 1967 Labour Grant Erster Preis, Saint-Étienne, Frankreich
Ausstellungen (Auswahl)
- 2018–2019 Feminist Avant-garde / Art of the 1970s SAMMLUNG VERBUND Collection, Vienna, The Brno House of Arts, Brünn, Tschechien.[4]
- 2017–2018 Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien.[5] ZKM, Karlsruhe, DE.[6]
- 2017 WOMAN. Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, MUMOK, Wien.[7]
- 2015 Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre. Werke aus der Sammlung Verbund, Wien, Hamburger Kunsthalle.[8]
Quellenangaben
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n Harry Bellet: Le monde d'Orlan, des origines à aujourd'hui. In: Le Monde. 2. August 2007, abgerufen am 11. Juni 2026 (französisch).
- ↑ a b c d e f Nina Siegal: This Artist’s Face Is Her Canvas, and Her Calling Card. In: The New York Times. 11. Juni 2026, abgerufen am 11. Juni 2026 (englisch).
- ↑ a b Lady Gaga wins Born This Way plagiarism case against French artist. In: BBC Newsbeat. 27. Juli 2016, abgerufen am 11. Juni 2026 (englisch).
- ↑ [1]
- ↑ [2]
- ↑ [3]
- ↑ [4]
- ↑ [5]
Literatur
- Ben-ʿAmi Sharfshṭain: „Pain, Cruelty, and Pathology in Art. An Essay on Body Art and the Carnal Art of Orlan“, in: Assaph, 2010, S. 463–469.
- C. Jill O'Bryan: Carnal Art: Orlan's Refacing. University of Minnesota Press, Minneapolis 2005, ISBN 0-8166-4323-7
- E. Hartney: Orlan: Carnal Art. Flammarion, Paris 2004, ISBN 2-08-030431-3
Weblinks
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Orlan |
| ALTERNATIVNAMEN | Porte, Mireille Suzanne Francette (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | 30. Mai 1947 |
| GEBURTSORT | Saint-Étienne |
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