OHIP
Das Oral Health Impact Profile (OHIP) ist ein Verfahren (dental patient-reported outcome measure, dPROM[1]) zur Erhebung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität (MLQ) bei Erwachsenen. Das OHIP wird in der Zahnmedizin im Rahmen der Anamnese zur Erfassung zahnmedizinisch relevanter Probleme, aber auch zur Erfolgskontrolle von Therapien und zur Verlaufsmessung eingesetzt. Darüber hinaus findet es Anwendung in der Oralepidemiologie und zur Erforschung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität. Das originale englischsprachige OHIP-E wurde ursprünglich in Australien von Garry D. Slade und A. John Spencer entwickelt und enthält 49 Fragen.[2] Seitdem wurden unterschiedliche Kurzversionen entwickelt und in verschiedene Sprachen kulturäquivalent übertragen und validiert.[3] Die Übersetzung und Validierung der deutschen Version erfolgte durch Mike T. John u. a. und ist seit 2002 verfügbar.[4] Das OHIP ist ohne Lizenzgebühren nutzbar. International ist es das am weitesten verbreitete und wissenschaftlich bestuntersuchte Verfahren zur Erfassung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Domänen & Dimensionen
Die einzelnen Fragen (Items genannt) erfassen wichtige Problembereiche (Domänen oder Dimensionen genannt) der wahrgenommenen Mundgesundheit. Während ursprünglich sieben Domänen zur Gruppierung der Fragen verwendet wurden (Funktionelle Einschränkung, Schmerzen, Psychisches Unwohlsein / Unbehagen, Physische Beeinträchtigung, Psychische Beeinträchtigung, Soziale Beeinträchtigung, Benachteiligung / Behinderung), werden heute die vier Dimensionen Funktion, Schmerz, Ästhetik, und Psychosozialer Einfluss[5][6] als klinisch relevante Informationen der MLQ angesehen.
Um die Kompatibilität mit dem bisherigen, domainbasierten System zu wahren wurden für die neue, dimensionsbasierte Struktur die 4 am besten korrelierenden der 7 Domänen genutzt (Psychische Beeinträchtigung = Funktion, Schmerzen = Schmerz, Psychisches Unwohlsein / Unbehagen = Ästhetik, Benachteiligung / Behinderung = Psychosozialer Einfluss). Die übrigen drei Domänen (Funktionelle Einschränkung, Psychische Beeinträchtigung, Soziale Beeinträchtigung) werden nicht für die Berechnung der Dimensionen genutzt, fließen aber mit ihren Items nach wie vor in die Berechnung des OHIP-14 Summenwertes ein.
Die Antwortmöglichkeiten zur Häufigkeit der auftretenden Probleme können vom Patienten auf einer mehrstufigen Skala („nie“ = 0, „kaum“ = 1, „ab und zu“ = 2, „oft“ = 3, „sehr oft“ = 4) angegeben werden. Die Gesamtbeeinträchtigung eines Patienten als Maßzahl wird demzufolge aus der Summe der Einzelwerte berechnet und kann für das OHIP mit 49 Fragen Werte zwischen 0 (= keinerlei Beschwerden/Beeinträchtigungen) und 196 annehmen.
Anwendung
Das OHIP kann den individuellen Mundgesundheitszustand von Patienten beschreiben und krankheitsbedingte Belastungen im Verlauf messen und vergleichen. Im klinischen Einsatz wird, vergleichbar mit Auffälligkeiten im Anamnesebogen, nach Hintergründen der mit „Oft“ oder „Sehr oft“ auftretend markierten Problemen bzw. Beeinträchtigungen gefragt. In diesem Zusammenhang dient es einer strukturierten, standardisierten Problemerfassung. Durch die Differenzbildung der Summenwerte vor und nach therapeutischen Interventionen kann der Therapieeffekt für den individuellen Fall, aber auch für Patientengruppen berechnet werden.
Versionen
Die deutsche Langversion, das OHIP-G53, enthält neben den 49 originalen noch 4 zusätzliche Fragen. Zwecks des Erhalts der internationalen Vergleichbarkeit werden für die Berechnung des Summenwertes nur die originären Fragen des OHIP-49 verwendet. Des Weiteren stehen Kurzversionen mit einundzwanzig (OHIP-G21), vierzehn (OHIP-G14) und fünf (OHIP-G5) Fragen zur Verfügung.[7] Im Gegensatz zur englischsprachigen Originalversion, welche einen Referenzzeitraum von 3 Monaten verwendet, beziehen sich alle Fragen der deutschen Version (OHIP-G) auf den Zeitraum des letzten Monats. Einen Überblick über die zahlreich verfügbaren internationalen Versionen und Modifikationen bietet eine systematische Übersichtsarbeit.[8]
Administrationsmodus
Der Fragebogen kann im persönlichen Interview (zum Beispiel durch den Zahnarzt), in der Telefonbefragung, online, aber auch durch Selbstausfüllen des Patienten erhoben werden. Ein substantieller Einfluss auf den OHIP-Summenwert im Vergleich von persönlichem Befragung, Telefonbefragung und Selbstausfüllen wurde bisher nicht auffällig.[9]
Material
Die hier abrufbaren Vorlagen enthalten die Median-Werte (Mittlerer Wert der Allgemeinbevölkerung) und das 90. Perzentil (Wert, den 10 % der Bevölkerung überschreitet) aus den deutschen Referenzpublikationen, um OHIP-Summenwerte besser interpretieren zu können. Für die Erfassung des Mundgesundheitsstatus wird in der aktuellen Literatur ein Referenzzeitraum von 7 Tagen[10] und für eine umfassendere Einbeziehung der Strukturen des Kausystems die Erweiterung der Frage um den Begriff „Kiefer“ empfohlen.[11]



Interpretation von OHIP Summenwerten
Summenwerte, die von einzelnen Personen oder Personengruppen ermittelt wurden, können anhand von Vergleichswerten, die in der Normalbevölkerung erhoben wurden, interpretiert werden. Da Zahnersatz einen wichtigen Einflussfaktor für die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität darstellt, sind OHIP-Normwerte danach unterteilt.[12] Normwerte sind sowohl für das OHIP-G49[13] als auch das OHIP-G14 und das OHIP-G5 vorhanden.[14] OHIP Summenwerte können auch anhand der absoluten Häufigkeit der Mundgesundheitsprobleme interpretiert werden.[15] Differenzen von Summenwerten (z. B. die Differenz vor und nach einer Behandlung) können anhand der Minimal Important Difference (MID) interpretiert werden. Diese beträgt 6 Punkte für das OHIP-G49 und 2 Punkte für das OHIP-G14,[16][17] Für das OHIP-5 lassen sich Informationen zur MID aus der thailändischen Version in Abhängigkeit von der zahnprothetischen Versorgung entnehmen.[18]
Einschränkungen
Der Fragebogen bildet ästhetische Beeinträchtigungen unzureichend ab. Auch wird gelegentlich in der Literatur der problemorientierte Ansatz bemängelt, ohne jedoch geeignete Alternativen aufzuzeigen. Für Kinder und Jugendliche existieren spezielle MLQ-Instrumente, aber Forscher und Kliniker haben das OHIP auch erfolgreich in diesem Altersbereich eingesetzt. OHIP-5 erlaubt eine valide und reliable MLQ-Messung bei Kindern im Schulalter.[19]
Anwendungsbeispiele
Die deutsche Version des OHIP wurde unter anderem bei Patienten mit Zahnersatz wie zahnärztlichen Implantaten, craniomandibulären Dysfunktionen (CMD), Mundschleimhaut- und Parodontalerkrankungen, hypersensiblen Zähnen, ausgedehntem Zahnhartsubstanzverlust, Zahnbehandlungsängsten und Kieferfehlstellungen angewendet.
Problemmanagement
In klinischen Studien kommt es verursacht durch Patienten (einzelne Fragen nicht beantwortet), aber auch Untersucher (eine Frage systematisch nicht abgefragt) zum Fehlen der Antworten einzelner Items. Eine mediane Imputation (Ersetzung fehlender Werte durch den Median der vorhandenen Items eines Probanden) zeigt beim Fehlen von bis zu zwei Items nur geringe Abweichungen in den Summenwerten, unabhängig davon welche Items fehlen. Um in diesen Fällen dimensionale Informationen nutzen zu können, ist Voraussetzung, dass beide fehlende Items nicht der gleichen Dimension entstammen.
Einzelnachweise
- ↑ Danchen Qin, Fang Hua, Mike T. John: GLOSSARY FOR DENTAL PATIENT-CENTERED OUTCOMES. In: Journal of Evidence-Based Dental Practice. Band 24, Nr. 1, Januar 2024, ISSN 1532-3382, S. 101951, doi:10.1016/j.jebdp.2023.101951.
- ↑ G. D. Slade, A. J. Spencer: Development and evaluation of the Oral Health Impact Profile. In: Community Dent Health. 11, 1994, S. 3–11.
- ↑ M. I. MacEntee, M. Brondani: Cross-cultural equivalence in translations of the oral health impact profile. In: Community Dent Oral Epidemiol. 110, 2015, S. 425–433.
- ↑ M. T. John, D. L. Patrick, G. D. Slade: The German version of the Oral Health Impact Profile--translation and psychometric properties. In: Eur J Oral Sci. 110, 2002, S. 425–433.
- ↑ O. Schierz, C. Hirsch, M.T. John, D. R. Reissmann: Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität - Maßstab Mensch in der Zahnmedizin. In: Seniorenzahnmedizin. 3, 2015, S. 17–22.
- ↑ M.T. John, M. Omara, N. Su, T. List, S. Sekulic, B. Häggman-Henrikson et al.: Recommendations for Use and Scoring of Oral Health Impact Profile Versions. J Evid Based Dent Pract. 2022;22(1):101619.
- ↑ M. T. John, D. L. Miglioretti, L. LeResche, T. D. Koepsell, P. Hujoel, W. Micheelis: German short forms of the Oral Health Impact Profile. In: Community Dent Oral Epidemiol. 34, 2006, S. 277–288.
- ↑ Wojszko Ł, Banaszek K, Gagacka O, Bagińska J. Oral Health Impact Profile (OHIP) as a Tool for the Assessment of the Oral Health-Related Quality of Life—A Scoping Review. Dentistry Journal. 2025;13(11).
- ↑ D. R. Reissmann, M. T. John, O. Schierz: Influence of administration method on oral health-related quality of life assessment using the Oral Health Impact Profile. In: Eur J Oral Sci. 119, 2011, S. 73–78.
- ↑ N. Waller, M. John, L. Feuerstahler, K. Baba, P. Larsson, S. Peršić u. a.: A 7-day recall period for a clinical application of the Oral Health Impact Profile questionnaire. In: Clin Oral Investig accepted.
- ↑ P. Larsson, T. List, I. Lundstrom, A. Marcusson, R. Ohrbach: Reliability and validity of a Swedish version of the Oral Health Impact Profile (OHIP-S). In: Acta Odontol Scand. 62, 2004, S. 147–152.
- ↑ M. T. John, T. D. Koepsell, P. Hujoel, D. L. Miglioretti, L. LeResche, W. Micheelis: Demographic factors, denture status and oral health-related quality of life. In: Community Dent Oral Epidemiol. 32, 2004, S. 125–132.
- ↑ M. T. John, L. LeResche, T. D. Koepsell, P. Hujoel, D. L. Miglioretti, W. Micheelis: Oral health-related quality of life in Germany. In: Eur J Oral Sci. 111, 2003, S. 483–491.
- ↑ M. T. John, W. Micheelis, R. Biffar: Normwerte mundgesundheitsbezogener Lebensqualität für Kurzversionen des Oral Health Impact Profile. In: Schweiz Monatsschr Zahnmed. 114, 2004, S. 784–791.
- ↑ D. R. Reissmann, I. Sierwald, G. Heydecke, M. T. John: Interpreting one oral health impact profile point. In: Health Qual Life Outcomes. 11, 2013, S. 12.
- ↑ M. T. John, D. R. Reissmann, A. Szentpétery, J. Steele: An approach to define clinical significance in prosthodontics. In: J Prosthodont. 18, 2009, S. 455–460.
- ↑ D. R. Reissmann, M. Krautz, O. Schierz, M. T. John, M. Rudolph, A. Szentpetery: Was ist klinisch relevant bei Veränderungen der Mundgesundheit? In: Deutsche Zahnärztl. Z 63, 2008, S. 668–680.
- ↑ Limpuangthip N, Wannakhao P. Validation, measurement properties, and minimal clinically important difference of short-version oral health impact profile (OHIP-5) by type of prosthodontic treatment: a prospective cohort study. BMC Oral Health. 2025;25(1):1701.
- ↑ FOLAKE B. LAWAL, MIKE T. JOHN, ABIMBOLA M OLADAYO, DANNA R. PAULSON, NICOLE THEIS-MAHON, APARNA INGLESHWAR: ORAL HEALTH IMPACT AMONG CHILDREN: A SYSTEMATIC REVIEW UPDATE IN 2024. In: Journal of Evidence-Based Dental Practice. Band 25, Nr. 1, März 2025, ISSN 1532-3382, S. 102082, doi:10.1016/j.jebdp.2024.102082.
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