Noelia Castillo

Noelia Castillo Ramos (auch Noelia Castillo; * 14. November 2000 in Barcelona[1]; † 26. März 2026 in Sant Pere de Ribes) war eine spanische Sterbehilfeempfängerin. Ihr Fall führte zu einer landesweiten Auseinandersetzung, nachdem die Durchführung ihrer bereits genehmigten Hilfe zum Sterben durch Rechtsmittel ihres Vaters fast zwei Jahre verzögert worden war.[2][3] Nach langen Gerichtsverfahren nahm sie am 26. März 2026 die bereits 2024 genehmigte Sterbehilfe in Anspruch.[4][5] Sie starb im Alter von 25 Jahren nach 601 Tagen Wartezeit in einer sozialmedizinischen Einrichtung in Sant Pere de Ribes im Garraf.[6][7]

Leben

Herkunft und Kindheit

Castillo stammte aus Barcelona, wuchs in schwierigen familiären Verhältnissen auf und stand als Minderjährige zeitweise unter behördlicher Betreuung.[8][6]

Sexualisierte Gewalt und Suizidversuch

Castillo gab in einem Interview an, drei sexuelle Übergriffe erlitten zu haben. Weil sie keine Anzeigen erstattete, wurden diese nicht offiziell untersucht oder von einem Gericht bestätigt. Sie schilderte einen sexuellen Übergriff durch ihren Ex-Partner, eine versuchte Vergewaltigung durch zwei Männer in einem Nachtclub sowie einen weiteren sexuellen Übergriff durch drei Männer, ebenfalls in einem Nachtclub.[9]

Am 4. Oktober 2022 sprang Castillo aus dem fünften Stock eines Gebäudes. Sie überlebte den Suizidversuch, erlitt aber eine schwere Rückenmarksverletzung und blieb von der Hüfte abwärts querschnittsgelähmt. Sie litt fortan unter sehr starken Schmerzen und war auf einen Rollstuhl angewiesen.[4] Dies war nicht ihr erster Suizidversuch gewesen. Bereits vor den sexuellen Übergriffen hatte sie mehrmals versucht, ihr Leben zu beenden.[10]

Einige Politiker, darunter der Vox-Vorsitzende Santiago Abascal, behaupteten, Castillo sei in ihrer Betreuungseinrichtung von unbegleiteten minderjährigen Migranten (spanisch menores extranjeros no acompañados oder kurz MENA) vergewaltigt worden und habe deshalb den Suizidversuch unternommen. Castillo beschrieb in Interviews keinen solchen Vorfall und stellte keinen Zusammenhang zwischen ihrem Suizidversuch und den von ihr geschilderten sexuellen Übergriffen her, dementierte ihn aber auch nicht.[9] In beiden Wohneinrichtungen, in denen sich Castillo zwischen Juli 2015 und Februar 2019 aufhielt, wurden für diesen Zeitraum keine Fälle sexueller Nötigung registriert.[9]

Sterbehilfe und Rechtsstreit

Am 10. April 2024 beantragte sie bei der katalanischen Garantie- und Evaluierungskommission die Hilfe zum Sterben, die am 18. Juli 2024 einstimmig bewilligt wurde.[4] Die Durchführung war für den 2. August 2024 vorgesehen, wurde aber einen Tag davor auf Antrag ihres Vaters gerichtlich einstweilig ausgesetzt.[4][11] Ihr Vater, der die Sterbehilfe auf rechtlichem Wege verhindern wollte, wurde von der Organisation Abogados Cristianos unterstützt und brachte entsprechende Anträge ein.[12] Die Organisation argumentierte unter anderem, dass Castillo bereits vor dem Suizidversuch an psychischen Erkrankungen wie der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung[13][14] gelitten und eine anerkannte Behinderung aufgewiesen habe; kritisiert wurde zudem, dass sie sich zum Zeitpunkt des Verfahrens nicht in umfassender psychiatrischer oder psychologischer Behandlung befunden habe.[15] Vertreter der Organisation äußerten Zweifel daran, ob unter diesen Umständen von einer vollständig freien und autonomen Entscheidung gesprochen werden könne, und warnten vor einem möglichen Präzedenzfall.[15][16] Im anschließenden Verfahren bestätigten medizinische Sachverständige, die Staatsanwaltschaft und später mehrere Gerichte, dass sie die gesetzlichen Voraussetzungen erfülle und ihren Entschluss frei, fest und autonom gefasst habe.[17][18] Der Rechtsstreit führte über das katalanische Verwaltungsgericht, den Obersten Gerichtshof Kataloniens, das spanische Verfassungsgericht und schließlich bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der eine Aussetzung am 24. März 2026 ebenfalls ablehnte.[4][5][12]

Tod

Am 26. März 2026 erhielt Castillo in der sozialmedizinischen Einrichtung in Sant Pere de Ribes Medikamente in eine Vene gespritzt, um sie tief zu sedieren; anschließend wurden weitere Substanzen verabreicht, die einen irreversiblen Stillstand der Vitalfunktionen verursachten, an dem sie starb.[19][6][7]

Rezeption und Bedeutung

Durch ihr öffentliches Auftreten in den letzten Tagen vor dem Eingriff wurde ihr Fall zu einem landesweit diskutierten Symbol für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.[2] Spanische Medien beschrieben das Verfahren als Belastungsprobe für das Euthanasiegesetz von 2021, weil es zeigte, dass Angehörige eine bereits genehmigte Sterbehilfe über den Rechtsweg erheblich verzögern konnten.[3][11] Damit wurde Castillo in der spanischen Berichterstattung zu einer Schlüsselfigur der Debatte über Patientenautonomie, Verfahrensgarantien und die Grenzen familiärer Einflussnahme im Sterbehilferecht.[11][2]

Einzelnachweise

  1. Ricardo Raphael: Saber acompañar: el caso de Noelia Castillo. In: Milenio. 28. März 2026, abgerufen am 29. März 2026 (spanisch).
  2. a b c Noelia Castillo, ante su eutanasia tras 601 días de espera: “No puedo más con esta familia”. In: El País. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  3. a b A Noelia no le dejan morir: la grieta que se abre en la ley de eutanasia. In: El País. 9. März 2025, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  4. a b c d e Cronología del ‘caso Noelia’| La joven parapléjica tiene programada la eutanasia que espera desde 2024. In: El País. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  5. a b El Tribunal Europeo de Derechos Humanos rechaza paralizar la eutanasia de Noelia, la joven de 25 años con paraplejia. In: RTVE.es. 24. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  6. a b c Noelia Castillo ha muerto por eutanasia tras 601 días de espera. In: El País. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  7. a b El protocolo para la eutanasia de Noelia Castillo: un final rápido, sin ningún sufrimiento. In: La Vanguardia. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  8. La historia tras la eutanasia de Noelia: unas religiosas, un notario y una vida tutelada. In: El Confidencial. 18. März 2025, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  9. a b c Jesús García Bueno: Los bulos sobre Noelia Castillo: de la violación de ‘menas’ a la “eutanasia por depresión”. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  10. #242 Mi vida, mi muerte. In: Mordlust. Spotify, abgerufen am 4. Juni 2026: „Noelia ist verzweifelt. […] Immer wieder versucht die junge Katalanin, sich das Leben zu nehmen.“
  11. a b c La muerte digna de Noelia Castillo. In: El País. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  12. a b Aktive Sterbehilfe in Spanien: Fall Noelia Castillo spaltet das Land. In: RND. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026.
  13. Solveig Bach: Der Kampf von Noelia Castillo für ihr Recht zu sterben. Abgerufen am 27. März 2026.
  14. Pau Mosquera: She spent 20 months battling to die under a euthanasia law. On Thursday, Spain let her. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026 (englisch).
  15. a b Dorothea Schmidt: Nach Vergewaltigung und Suizidversuch: 25-jährige Spanierin vor Tod durch Euthanasie. Die Tagespost, 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026.
  16. „Ich möchte aufhören zu leiden“ : 25-Jährige in Spanien will Sterbehilfe – der Vater kämpft vergeblich dagegen. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 27. März 2026]).
  17. La Fiscalía concluye que la joven de 24 años cuya eutanasia fue paralizada en Barcelona cumple los requisitos. In: RTVE.es. 11. März 2025, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  18. El TC cierra la puerta al padre de Noelia para que frene la eutanasia e inadmite su último recurso. In: La Vanguardia. 20. Februar 2026, abgerufen am 27. März 2026 (spanisch).
  19. Patrick Illinger: 25-jährige Noelia Castillo hat Sterbehilfe erhalten – ihr Fall spaltet Spanien. In: sueddeutsche.de. 26. März 2026, abgerufen am 27. März 2026.

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