Multiple Krise

Als multiple Krise – auch Vielfachkrise genannt – wird „eine historisch-spezifische Konstellation verschiedener sich wechselseitig beeinflussender und zusammenhängender Krisenprozesse, etwa im „neoliberalen Finanzmarktkapitalismus“ verstanden.[1] Dabei sind die einzelnen Krisenprozesse als Krisen spezifischer sozialer Verhältnisse zu interpretieren, wobei soziale Verhältnisse v. a. „relativ regelmäßige Praktiken sozialer Kollektive und Individuen“ meint.[2] Krisen treten demnach auf, wenn Kollektive und/oder Individuen diese spezifischen Praktiken nicht mehr ausüben (können), wenn also die „Normalität“ dieser Verhältnisse gestört wird.

Weitere historische Beispiele

Ein historisches Beispiel für eine solche Krisenkonstellation lässt sich im Zusammenbruch der Bronzezeit erkennen.[3] Der Zusammenbruch der spätbronzezeitlichen Gesellschaften im östlichen Mittelmeerraum und im Vorderen Orient um 1200 v. Chr. war nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern ging mit einer Reihe miteinander verbundener politischer, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer[4][5] Veränderungen einher. In diesem Zusammenhang wird auch die Seevölkerbewegung häufig als Teil einer umfassenderen Krisendynamik verstanden. Sie kann dabei eher als Symptom und Verstärker bereits bestehender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche betrachtet werden denn als alleinige Ursache des Zusammenbruchs. Der Zusammenbruch der Bronzezeit lässt sich somit als Beispiel dafür heranziehen, wie verschiedene Krisenprozesse einander beeinflussen und wechselseitig verstärken können.[6][7]

Der Untergang des Römischen Reiches stellt ein weiteres Beispiel dar, oder auch der Niedergang der Mayazentren im zentralen Tiefland des heutigen Mexikos und Guatemalas im 9. Jahrhundert nach Christi Geburt.

Einteilung

Pauline Bader und andere weisen deshalb darauf hin, dass der Krisenbegriff nicht rein objektivistisch gefasst werden kann, weil es immer von der subjektiven Krisenwahrnehmung abhängt, wie sich die „Praktizierenden“ gegenüber potentiellen Krisen verhalten. Krisen haben demnach immer objektive und subjektive Komponenten, beziehen sich sowohl auf die tatsächliche Nicht-Reproduzierbarkeit und die subjektive Wahrnehmung dieser. Die Überlegungen stellen eine Erweiterung der bislang diskutierten Varianten der Marxistischen Krisentheorie dar und fokussieren nicht allein auf ökonomische Zusammenhänge. Die Vielfachkrise wird vor dem Hintergrund und dem Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise ab 2007 diskutiert, wobei die ursächlichen und analysierten Prozesse schon wesentlich eher einsetzten.

Thematisch unterteilen Bader et al. die Vielfachkrise in vier zentrale Krisenkomplexe:

Ulrich Brand (2009) hingegen fasst die multiple Krise noch weiter beziehungsweise differenzierter. So unterscheidet er im sozialen Bereich zusätzlich zwischen erzwungener Migration, der Krise der Geschlechterverhältnisse beziehungsweise der hegemonialen Männlichkeit sowie der sozialen Integration. Des Weiteren spricht er von einer Krise der politischen Institutionen (beziehungsweise der politischen Repräsentation) sowie von Krisen der Ernährungssicherheit.[8]

Es sind vor allem kritische, dem Marxismus zugeneigte Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum, die sich mit diesem Ansatz beschäftigen und in ihre Analysen aufnehmen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b Pauline Bader, Florian Becker, Alex Demirović, Julia Dück: Die multiple Krise – Krisendynamiken im neoliberalen Kapitalismus. In: Alex Demirovic, Julia Dück, Florian Becker, Pauline Bader (Hrsg.): VielfachKrise: Im finanzdominierten Kapitalismus. VSA Verlag, Hamburg 2011, S. 13.
  2. Pauline Bader, Florian Becker, Alex Demirović, Julia Dück: Die multiple Krise – Krisendynamiken im neoliberalen Kapitalismus. In: Alex Demirovic, Julia Dück, Florian Becker, Pauline Bader (Hrsg.): VielfachKrise: Im finanzdominierten Kapitalismus. VSA Verlag, Hamburg 2011, S. 11.
  3. Die klimatischen Hintergründe des Zusammenbruchs bronzezeitlicher Zivilisationen. Archäologie 42, 27. Juli 2026, auf archaeologie42.de [1]
  4. David Kaniewski, Elise Van Campo, Joël Guiot, Sabine Le Burel, Thierry Otto, Cécile Baeteman: Environmental Roots of the Late Bronze Age Crisis. PLOS ONE 8 (2013), Nr. 8, e71004. DOI:10.1371/journal.pone.0071004.
  5. Katherine Power, Qiong Zhang: Holocene ocean-atmosphere coupling and Mediterranean sensitivity to Atlantic circulation: Lessons from the Late Bronze Age collapse. Science Advances (2026), 12(30), eaed5439. DOI:10.1126/sciadv.aed5439
  6. Jared Diamond (2005) nennt fünf wesentliche Gründe, die zu einem Zusammenbruch von Gesellschaften führen können; siehe hierzu Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. 2. Auflage, Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-596-19258-8.
  7. Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies (= New Studies in Archaeology.). Cambridge University Press, Cambridge (UP) 1990 (Erstausgabe 1988).
  8. Ulrich Brand: Die Multiple Krise – Dynamik und Zusammenhang der Krisendimensionen, Anforderungen an politische Institutionen und Chancen progressiver Politik. (PDF) Heinrich-Böll-Stiftung, 2009, abgerufen am 10. Februar 2016.

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