Menocchio
Domenico Scandella, genannt Menocchio (auch: Menoch, Menochi; * um 1532 in Montereale Valcellina; † August 1599 in Portogruaro) war ein Müller aus dem Dorf Montereale Valcellina im Friaul, das direkt am Übergang von steilem Gebirge zu fruchtbarem Flachland liegt. Menocchio wurde mehrfach durch die Inquisition verhört und schließlich verurteilt. Im August 1599 wurde er im Alter von 67 Jahren hingerichtet. Dies geschah auf Anweisung des Papstes Clemens VIII. Die erhaltenen, ungewöhnlich umfangreichen Verhörprotokolle sind eine historische Quelle, die einen einzigartigen Einblick in die bäuerliche Religion bzw. den „volkstümlichen Materialismus“[1] gegen Ende des Mittelalters bzw. zu Beginn der Frühen Neuzeit geben.
Die Studie von Carlo Ginzburg über Menocchio (im Original: Carlo Ginzburg: Il formaggio e i vermi. Il cosmo di un mugnaio del '500, publiziert 1976) war innerhalb der Geschichtswissenschaft bedeutend als Beispiel für die Mikro- und Alltagsgeschichte.
Lebensweg
Menocchio lebte – mit Ausnahme von zwei Jahren, die er im nahen Arba und Karnien verbrachte – zeit seines Lebens mit seiner Frau und sieben Kindern – vier weitere Kinder waren noch im Kindesalter gestorben – im Dorf Montereale, das damals etwa 650 Einwohner zählte. Menocchio konnte lesen, schreiben und rechnen. Er verdingte sich als Müller und war Pächter zweier Mühlen, arbeitete aber auch als Schreiner und Maurer, spielte Hackbrett oder Zither bei den Dorffesten und unterrichtete Mathematik. 1581 war er Podestà von Montereale und anderen umliegenden Weilern sowie vor 1584 und nochmals 1590 örtlicher Gutsverwalter der Kirche.[2] Er war ein außergewöhnlicher Mensch und hatte eine große Leidenschaft für Bücher.[3]
Finanziell und kulturell hob er sich von der Masse seiner Mitmenschen ab. Dennoch wurde er von den Dorfbewohnern geschätzt. Bekannt war er vor aber allem für seine kritischen und originellen Ideen, aus denen er kein Geheimnis machte. Im Gegenteil tat er seine Gedanken mit Eifer und Überzeugung bei jeder Gelegenheit kund. Lediglich das niedrige Bildungsniveau der Dorfnachbarn und die Angst vor der Inquisition bremsten ihn. Die Ideen, die er im Dorf zu verbreiten versuchte, sind nur indirekt und fragmentarisch durch Zeugenaussagen in den Inquisitionsprozessen bekannt. So soll er unter anderem behauptet haben, die Luft sei Gott, Jesus ein einfacher Mensch und Maria sei keine Jungfrau gewesen, oder dass die Prälaten die Gläubigen unter Kontrolle halten und gehorsam machen wollten, während sie selbst sich amüsierten und dass die Seele mit dem Tod sterbe und der Mensch sich deswegen nicht vom Tiere unterscheide. Er philosophierte aber auch über den Ursprung des Kosmos.[4]
Seine originelle Vorstellung von der Kosmogonie war mit der Frage nach der Erlösung verbunden. Nach Menocchio herrschte am Anfang das Chaos und Gott war mit dem Chaos von gleicher Ewigkeit. Aus diesem Chaos entwickelten sich seiner Ansicht nach die Geister, so wie sich Würmer im Käse bilden. Der wichtigste unter ihnen war der Heilige Geist, der durch die Engel die Materie und den Menschen ordnete. Die Menschen wurden vom Heiligen Geist erschaffen, damit sie die Plätze im Himmel füllen konnten, die die Engel, die Luzifer gefolgt waren, leer gelassen hatten. Beeinflusst war seine Gedankenwelt, ohne dass ihm das besonders bewusst war, von den Ideen der Reformation, des Antitrinitarismus und der Täuferbewegung, die alle auch im Friaul kursierten.[3]
Menocchio verbreitete seine Gedanken etwa 25 bis 30 Jahre lang ungestört. Erst als ein neuer Pfarrer, Odorico Vorai, die Pieve 1574 übernahm, änderte sich dies. Der neue Geistliche ging mit Eifer daran, die von der römisch-katholischen Kirche im Konzil von Trient verabschiedeten Grundsätze umzusetzen. Konfrontiert sah er sich mit der Ignoranz der Bauern und mit ihrer mangelhaften Religiosität. Phänomene die damals im ländlichen Raum weit verbreitet waren. Auch Menocchio entzog sich dem missionarischen Bestrebungen des Pfarrers. Zwischen beiden herrschte bald ein gespanntes Verhältnis, eine regelrechte Antipathie, die auch durch persönliche Gründe genährt wurde, die über die Religion hinausgingen. So war der Pfarrer kein Heiliger und umgab sich mit Konkubinen. Laut späterer Zeugenaussagen soll er auch vergeblich versucht haben, sich zwei Töchter Menocchios mit Geschenken gefügig zu machen, was Menocchio strikt ablehnte.[5]
Der erste Prozess
Menocchio war wegen Häresie bereits vor seinem ersten Prozess im September 1583 zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt zwischen 1580 und 1583 von einem Unbekannten denunziert worden. Die Anzeige verlief jedoch im Sand und blieb ohne jegliche Folgen.[6]
Am 28. September 1583 zeigte der Pfarrer von Montereale, Don Odorico Vorai, Menocchio anonym bei der Inquisition als Häretiker an. Einen Monat später wurden vom Generalvikar des Bischofs von Concordia, Giovanni Battista Maro, die ersten Zeugen gehört. Anfang Dezember 1583 schaltete sich auch der für das Bistum zuständige Inquisitor, der Franziskaner Felice da Montefalco, ein, der bis dahin mit anderen Fällen beschäftigt war. Am 9. Dezember verhörte er einen Zeugen in Portogruaro und am 2. Februar 1584 weitere neun Zeugen in der Sakristei von Montereale. Bei der vom Inquisitor darauf angeordneten Hausdurchsuchung wurden keine Bücher im Haus Menocchios gefunden.[2] Am 4. Februar 1584 wurde Menocchio auf Anordnung des Inquisitors verhaftet und im Gefängnis von Concordia einkerkert.
Am 7. Februar 1584 wurde Menocchio zum ersten Mal vom Generalvikar verhört. Der Inquisitor war nicht zugegen. Weitere Vernehmungen folgten am 16. und 22. Februar sowie am 8. März. Bei den ersten beiden Vernehmungen versuchte Menocchio noch, den Ratschlägen eines mit ihm befreundeten Priesters und seines Anwaltes zu folgen, und sich verschwiegen zu geben. Dann aber hielt er sich nicht mehr zurück und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Bei seiner Vernehmung am 27. April war schließlich auch Felice da Montefalco sowie der Inspekteur der Republik Venedig, Pietro Zorzi, anwesend. Letzterer sollte sicherstellen, dass die Gesetze der Serenissima eingehalten wurden.[2]
Die beiden Glaubensrichter hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Richtigkeit der von den Zeugen vorgebrachten Indizien zu überprüfen und eventuelle neuen Aussagen des Angeklagten zu klären, nicht aber, alle seine Häresien aufzudecken. Die zutage getretenen Häresien sollten schließlich im Hinblick auf das Urteil theologisch eingeordnet werden. Menocchios Lage war äußerst ernst. Drei der aufgedeckten Häresien – Antitrinitarismus, die Verneinung der Göttlichkeit Christi und die der Immerwährenden Jungfräulichkeit Marias – wurden laut einer 1556 erlassenen päpstlichen Bulle von Paul IV. mit dem Tode bestraft, auch wenn sich der Angeklagte reuig zeigte. Menocchio verzichtete schließlich auf seine weitere Verteidigung und legte am 17. Mai einen von ihm verfassten Text vor, in dem er ungeschickt versuchte, seine Schuld einzugestehen, um seine Lage zu mildern, und um Vergebung und Gnade bat. Zwei von den Glaubensrichtern zu Rate gezogene weltliche Berater, beurteilten Menocchio am 19. Mai als Ketzer und Häresiarchen. In der Folge verlas Menocchio seine Abjuration in der Kathedrale San Andrea in Portogruaro. Das Urteil wurde zwischen dem 21. und 31. Mai 1584 verkündet, wie aus verschiedenen Dokumenten hervorgeht und nicht am 17. Mai, wie Carlo Ginzburg fälschlicherweise angibt. Das genaue Datum des Urteils ist nicht überliefert, da von dem Urteil nur eine Abschrift ohne Datum erhalten ist.[2]
Das Urteil fiel milder aus, als es die Bulle von Paul IV. in solchen Fällen vorsah. Domenico Scandella wurde zu lebenslangem Kerker für besonders schwere Häresie verurteilt, weil er seine religiösen Überzeugungen auch an einfache und nicht-schreibkundige Menschen verbreitet hatte.
Nach fast zwei Jahren Gefängnis überbrachte Menocchios Sohn, Ziannuto Scandella, am 18. Januar 1586 ein Gnadengesuch: Menocchio wolle künftig wie ein guter Christ leben, seine Gesundheit sei vom Gefängnis angeschlagen und seine Familie benötige seine Arbeitskraft. Die Inquisitoren wollten gnädig sein und ließen ihn frei unter den Auflagen, dass er sich wieder in Montereale ansiedle, den Ort nicht verlasse und lebenslang die Schandkleidung der Häretiker trage, ein gelbes Gewand mit zwei großen roten Kreuzen auf Brust und Rücken.
Der zweite Prozess
Trotz seiner Verurteilung als Häretiker wurde Menocchio 1590 zum Güterverwalter der Pfarrei Santa Maria di Montereale nominiert. 1595 wurde er als Gutachter bei einem Interessenskonflikt zwischen Landeigentümer und Pächter hinzugezogen und pachtete mit einem Sohn, Stefano Scandella, eine weitere Mühle. Menocchio nahm am Leben der dörflichen Gemeinschaft teil. Durch den Tod seines Sohnes Ziannuto verschärften sich jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen, so dass er darum bat, sich auch außerhalb seines kleinen Dorfes bewegen zu dürfen. Dieser Dispens wurde ihm Anfang 1597 von der Inquisition gewährt, um Armut von der Familie abzuwenden.
Jedoch hörte Menocchio nicht auf, freimütig über seine religiösen Vorstellungen zu sprechen. Einem Juden vertraute er an, dass er Häretiker sei und wisse, dass ihn die Inquisition früher oder später dafür töten könne. Allerdings sei er alt und allein – mit seinen noch lebenden Kindern schien er sich nicht zu verstehen –, so dass er nicht mal sein Leben z. B. durch eine Flucht nach Genf retten wolle.
Als sich herumsprach, dass Menocchio die Göttlichkeit von Christus und die Moral von Maria anzweifelte, ließ der Generalinquisitor von Friaul, Gerolamo Asteo, ihn im Juni 1599 erst ins Gefängnis von Aviano und dann ins Gefängnis von Portogruaro bringen. Ab 12. Juli 1599 wurde er wieder verhört. Menocchio gab erst zu, im Scherz gegen den katholischen Glauben gesprochen zu haben. Später versuchte er vor der Kommission seine Glaubensvorstellungen zu rechtfertigen: von den vier Natur-Elementen ist das Feuer Gott, während Gott-Vater die Luft, Gott-Sohn die Erde und der heilige Geist das Wasser ist. Am 2. August 1599 wurde er von der friaulischen Inquisition zum Häretiker erklärt. Die römische Inquisition wurde informiert; am 8. August 1599 wurde er in der Kirche S. Andrea in Portogruaro zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Aus einer notariellen Urkunde vom 16. August 1599 geht hervor, dass Menocchio zu diesem Zeitpunkt bereits Tod war. Sein Leichnam war verbrannt worden.[2]
Menocchio war die letzte Person, die von der Inquisition im Friaul zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Vor ihm waren im 16. Jahrhundert noch zwei weitere Todesurteile im Friaul vollstreckt worden.[7]
Literatur
- Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Syndikat, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-8108-0118-6.
- Andrea Del Col (Hrsg.): Domenico Scandella detto Meocchio: I processi dell’Inquisizione (1583–1599). Edizioni Biblioteca dell’Immagine, Pordenone 1990.
- Andrea Del Col (Hrsg.): L’inqiuisizione del patriarcato di Aquileia e della diocesi di Concordia. Gli atti processuali, 1557–1823. (Fonti per la storia della chiesa in Friuli. Band: 11). Istituto Pio Paschini / Edizioni Università di Trieste, Udine 2009, ISBN 978-88-87948-25-7.
- Andrea Del Col: Scandella, Domenico, detto Menocchio. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 91: Savoia–Semeria. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2018.
Weblinks
- Andrea Del Col: (1532–1599) Scandella Domenico detto Menocchio. In: Dizionario Biografico dei Friulani. (italienisch).
Einzelnachweise
- ↑ Carlo Ginzburg: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Frankfurt a. M. 1979, S. 104.
- ↑ a b c d e Andrea Del Col: Menocchio. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).
- ↑ a b Andrea Del Col: (1532–1599) Scandella Domenico detto Menocchio. In: Dizionario Biografico dei Friulani. Abgerufen am 4. August 2026 (italienisch).
- ↑ Andrea Del Col (Hrsg.): Domenico Scandella detto Meocchio: I processi dell’Inquisizione (1583–1599). S. XII, XIV–XV, XVII.
- ↑ Andrea Del Col (Hrsg.): Domenico Scandella detto Meocchio: I processi dell’Inquisizione (1583–1599). S. XVIII–XXIV.
- ↑ Andrea Del Col (Hrsg.): Domenico Scandella detto Meocchio: I processi dell’Inquisizione (1583–1599). S. XII.
- ↑ Andrea Del Col (Hrsg.): L’inqiuisizione del patriarcato di Aquileia e della diocesi di Concordia. Gli atti processuali, 1557–1823. S. 43–44.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Menocchio |
| ALTERNATIVNAMEN | Menoch; Menochi; Scandella, Domenico (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | friaulischer Müller |
| GEBURTSDATUM | um 1532 |
| GEBURTSORT | Montereale Valcellina |
| STERBEDATUM | August 1599 |
| STERBEORT | Portogruaro |
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