Memorare

Anfang des Memorare in der Komposition von Henri Dumont (1610–1684)

Mit dem Anfangswort Memorare (Gedenke) wird ein lateinisches Mariengebet bezeichnet, das zu den Grundgebeten der römisch-katholischen Kirche gehört und gelegentlich in Andachten gebetet wird. In der eucharistischen Liturgie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde es auch als Communio gesungen. Das Memorare ist aus dem heutigen gottesdienstlichen Gebrauch weitgehend verschwunden. Johannes Paul II. beendete seine Predigt bei der hl. Messe am 25. März 2000 in der Verkündigungsbasilika in Nazaret mit der Schlussbitte des Memorare.[1]

Herkunft

Memorare als Teil des Gebets Ad sanctitatis tuae pedes im Antidotarius animae des Nicolaus de Saliceto, Antwerpen 1490

Die ältesten Belege des Memorare finden sich in Handschriften und Inkunabeln des 15. Jahrhunderts. Dort ist es Teil des umfangreichen Marienhymnus Ad sanctitatis tuae pedes, dulcissima Virgo Maria. Dieser ist im Hortulus Animae (15. Jahrhundert), dem Antidotarius Animae des heilkundigen Zisterzienserabtes Nicolaus Salicetus[2] († um 1493[3]) und dem Precationum piarum Enchiridion des Simon Verepaeus (1570) nachgewiesen. Wann das Memorare als eigenständiges Gebet ausgegliedert wurde, ist nicht belegt. Im frühen 17. Jahrhundert schätzte und verbreitete der hl. Franz von Sales das Memorare.

P. Claude Bernard

Entscheidend für die Popularisierung des Gebets wurde jedoch der französische Priester, Volksmissionar und Armenfürsorger Claude Bernard (1588–1641), auch der „arme Priester“ genannt. Er lernte das Memorare nach eigenen Angaben von seinem Vater. Das Gebet habe bei ihm selbst eine wundersame Heilung verursacht, woraufhin er es weiter verbreitete und insbesondere zur Bekehrung von Gefangenen und zum Tode Verurteilten verwendete.[4] Er ließ das Gebet in mehreren Sprachen in bis zu 200.000 Exemplaren drucken und machte es zum Mittelpunkt seiner Evangelisation und seines Lebens. Diese Bedeutung beschreibt er u. a. in einem Brief an Anna von Österreich, die Frau des französischen Königs Ludwig XIII., die es am Hof populär machte.

Als Verfasser des Memorare nahm Claude Bernard, ausweislich seiner frühesten Biografie,[5] den hl. Bernhard von Clairvaux an. Diese Zuschreibung blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert die vorherrschende[6] und trug nicht wenig zur Wertschätzung des Gebets bei. Der Text findet sich jedoch in den Schriften Bernhards von Clairvaux nicht.

Der Text

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es kleinere Textvarianten des Memorare. Im 19. Jahrhundert wurde es in der Fassung Claude Bernards durch ein Breve Papst Pius IX. 1846 als Teil des Gebetes Ave, augustissima Regina pacis kanonisiert und mit der Gewährung eines zeitlichen Ablasses verbunden. Der Ablass wurde von der Sacra Congregatio Indulgentiarum am 25. Juli 1846 zunächst für die Gläubigen in Frankreich gewährt und am 11. Dezember 1846 auf die Gläubigen weltweit erweitert.[7][8]

Der Text dieser Fassung lautet:[9]

Lateinischer Text und französische Paraphrase in der Biografie Claude Bernards (1642)

“Memorare, o piissima Virgo Maria, non esse auditum a saeculo, quemquam ad tua currentem praesidia, tua implorantem auxilia, tua petentem suffragia, esse derelictum. Ego tali animatus confidentia, ad te, Virgo Virginum, Mater, curro; ad te venio; coram te gemens peccator assisto. Noli, Mater Verbi, verba mea despicere, sed audi propitia et exaudi. Amen.”

„Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief und um deine Fürbitte flehte, von dir verlassen worden ist. Von diesem Vertrauen beseelt, nehme ich meine Zuflucht zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen, meine Mutter, zu dir komme ich, vor dir stehe ich als ein sündiger Mensch. O Mutter des ewigen Wortes, verschmähe nicht meine Worte, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich! Amen.“

Um 1840 verfasste Joseph Anton von Pilat nach dem Memorare das deutsche Marienlied Milde Königin, gedenke.

Primärquellen

Vertonungen

Literatur

  • C. de Broqua: Claude Bernard, dit le Pauvre Prètre. Lithelleux 1913.
  • Der katholische Pfarrgottesdienst – Messe und Vesper der Sonn- und Feiertage, (…) nach der vatikanischen Ausgabe des Graduale und Antiphonale. Tournai (Belgien) 1937.
  • Graduale triplex seu Graduale romanum Pauli PP.VI. Solesmes 1979.
  • Herbert S.J. Thurston: Familiar Prayers: Their Origin and History. 1953.
  • Herbert Vorgrimler: Memorare. In: Josef Höfer, Karl Rahner (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 2. Auflage. Band 7. Herder, Freiburg im Breisgau 1962, Sp. 263 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Commons: Memorare – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Johannes Paul II.: Predigt von Johannes Paul II. - Heilige Messe in der Basilika der Verkündigung. In: vatican.va. Dicastero per la Comunicazione - Libreria Editrice Vaticana, 25. März 2000, abgerufen am 28. Februar 2025.
  2. Volker Honemann: Salicetus (Wydenbosch, Weidenbusch u. ä.), Nicolaus OCist. In: Verfasserlexikon. Band VIII, Sp. 511–515.
  3. Volker Honemann, in: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, ISBN 3-11-022248-5, Band 3: Gert van der Schüren - Hildegard von Bingen. Berlin / New York 1981, Sp. 1169.
  4. Dies und das Folgende aus: C. de Broqua: Claude Bernard, dit le Pauvre Prètre; Lithelleux 1913, zitiert nach Thesaurus Precum Latinarum.
  5. Thomas Le Gauffre: La vie de Claude Bernard, dit le pauvre prestre, Paris 1642, S. 269–270
  6. Vgl. das Gedicht The Memorare des kanadischen Priesters und Schriftstellers Arthur Barry O’Neill (1858–1925).
  7. Pietro Mocchegiani a Monsano (Bearb.): Collectio indulgentiarum theologice, canonice ac historice digesta. Typographia Collegii S. Bonaventurae, Quaracchi 1897, Nr. 395 und 396, S. 178–179.
  8. In einem britischen katholischen Gebetbuch von 1882 wird der Ablass mit 300 dies (300 Tage) angegeben (Memorare im Daily Prayer Book). Wie alle Ablässe galt das allerdings nur im Zusammenhang mit der sakramentalen Beichte.
  9. Katechismus der Katholischen Kirche–Kompendium, Anhang A) Allgemeine Gebete, 20. März 2005
  10. zu Hochfeder siehe Franz Xaver Pröll: Hochfeder, Kaspar. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 9. Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 288 (deutsche-biographie.de).

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