Matthäus Keust

P. Matthäus Keust OFMCap (* 18. September 1828 in Härkingen als Hans Keust; † 3. März 1898 in Altdorf) war ein Schweizer Kapuzinerpater. Er war als Seelsorger, Prediger, Beichtvater, Guardian und Vikar in verschiedenen Orten der Schweiz tätig und war einer der ersten Fotografen der Schweiz. Seine über 400 Seiten starke Autobiografie wurde 1999 veröffentlicht.[1]

Leben
Matthäus Keust wurde als Hans Keust 1828 geboren, als Sohn von Jakob Keust und Ottilia von Arx. In seiner über 400 Seiten umfassenden Autobiografie schildert er die Lebensumstände jener Zeit in Härkingen im Kanton Solothurn. Die Familie war arm und mehrere Kinder starben, bevor sie das Erwachsenenalter erreichten. Ausführlich schilderte er seine Schulzeit im Internat des Benediktinerklosters Mariastein. Ein Onkel hatte ihn dorthin vermittelt und auch das Schuldgeld bezahlt.[2]
Anschliessend absolvierte er das Noviziat im Mutterhaus der Schweizer Kapuziner im Kloster Wesemlin in Luzern. Dort erhielt er 1852 die Priesterweihe[1] und nahm den Namen Matthäus an.[3] Die folgenden Jahre lebte er – wie bei den Kapuzinern üblich – in verschiedenen Klöstern und Niederlassungen der Kapuziner in der Schweiz, namentlich in Schwyz, Solothurn, Mels, Chur, Freiburg, Olten, Schüpfheim, Luzern, Appenzell, Dornach, Rapperswil und Altdorf. Im Kapuzinerkloster Appenzell war er in den Jahren 1869–1872 Guardian, also Vorsteher des Klosters, ebenso in Olten ab 1876.
Die Tage des Kapuziner-Seelsorgers waren lang. Neben dem Hören der Beichte musste er in zahlreichen Kirchen und Kapellen die Messe lesen. Den Weg dorthin musste er in der Regel zu Fuss zurücklegen. Auch für die Besuche in anderen Klöstern oder beim Wechsel der Niederlassungen, was alle paar Jahre geschah, gab es keine anderen Verkehrsmittel. Matthäus Keust schildert in seinen Lebenserinnerungen immer wieder die anstrengenden Wanderungen, die Teil seines Alltags waren. So etwa in seiner Zeit in Appenzell:
«Am Festtage fing es zu regnen an, und als ich nach dem Mittagessen die Heimreise antrat, fing es an zu schneien. Ich schlug den nähern Weg über Stein ein, aber schon als ich ein wenig auf die Höhe kam, lag tiefer, frischer Schnee und schneite darauf los, als wollte es nie mehr aufhören. Ich war noch keine halbe Stunde gegangen, als ich glaubte, im Schnee stecken bleiben zu müssen. Das Wasser quetste in den Schuhen, und so musste ich noch 2 I/2 Stunden mich durch den Schnee arbeiten.»[4]
Zu den Höhepunkten seines Lebens gehörte eine Reise nach Rom im Jahr 1868. Dafür nutzte er den Zug über Genf und Lyon bis Genua und danach eine Schiffsverbindung nach Civitavecchia. Seine Eindrücke beschrieb er in seinen Lebenserinnerungen:
«Der erste Eindruck, welcher Rom auf mich machte, war kein besonders günstiger; überall Unrath, enge Gassen, schlecht gebaute Häuser, zerlumpte Kinder, elend gekleidete Leute und schreckliches Schreien der Esel und der Verkäufer und Verkäuferinnen verschiedener Sachen zerreisst einem fast die Ohren. Aber die Kirchen! Welche herrliche Kirchen! Unser erster Gang in Roma war nicht nach dem St.Petersdom, weil wir diesen auf den folgenden Tag, welches der Palmen-Sonntag war, verlegten. Wir begaben uns in den Lateran. Die schöne, herrliche Kirche, wo die Häupter der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus aufbewahrt werden, kann ich nicht beschreiben; die älteste Taufkapelle, das Baptisterium Kaiser Konstantins, die Kapelle Sancta Sanctorum, die Scala sancta, die heilige Stiege, die 28 Stufen hat und nach einer frommen Überlieferung einst zum Palaste des Pilatus emporführte, das Alles wurde ein wenig oberflächlich angesehen.»[5]

Kulturkampf in Olten
Matthäus Keust kam im Jahr 1876 zum zweiten Mal nach Olten, wo der Kulturkampf besonders heftig tobte. Er hatte sich an der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes im Jahr 1870 entzündet. Bei der Abspaltung der Neukatholiken respektive Christkatholiken spielte Olten eine wichtige Rolle.[6] Die Kapuziner waren davon besonders betroffen:
«Mit schwerem Herzen ging ich also im Herbste 1876 wieder nach Olten, wo ich einst so gerne war und so schöne Tage verlebt hatte. Wie hatte sich doch Alles verändert! Wie waren doch an die Stelle der frühern, so schönen Verhältnisse so namenlos traurige getreten! Wenn ich zufällig meinen einstigen Freunden, Bekannten, Schulkameraden begegnete, so grüssten wir im Vorbeigehen einander oder auch nicht, und das war alles. Die Bewohner Oltens waren durch die beiden Oltner-Blätter total gegen uns verhetzt, sogar die Kinder, die uns Spottnamen nach- und zuriefen. Am rohesten benahmen sich die Werkstättler gegen uns und die Eisenbähnler, aber ehrenwerthe Ausnahmen hat es auch gegeben. Namentlich muss ich loben den Cassier von Arx und den Stationsvorstand Franz Disteli, der ungeachtet wir grundsätzlich auseinandergingen, mir immer gewogen blieb und das leidenschaftliche Vorgehen gegen uns bedauerte. Häufig wurden wir durch furchtbares Leuten der Klosterporte in der Nacht aufgeschreckt und in der Ruhe gestört.»[7]
Fotograf
Keust wurde 1858 durch seinen Freund Adrian Kümmerlin in die Fotografie eingeführt.[1] In seinen Lebenserinnerungen beschreibt er dies so:
«Bei meiner Liebhaberei zum Zeichnungsfach habe ich mir sehr oft und sehnlich gewünscht, photographieren zu können. Man hörte und las damals ungemein viel über die positive Photographie auf Glas, und wie das eine so herrliche Erfindung sei. Man brauche jetzt kein Kupfertäfelchen mehr und Quecksilberdämpfe, man bekomme das Bild auf einem Glas, über das Colodium gegossen und versilbert worden sei usw.»[8]
Keust lernte die Fotografie autodidaktisch und bildete sich auch autodidaktisch weiter.
«Ich las alles, erkundigte mich über alles und probirte alles. Ich war auch einer der ersten Photographen, der vom Positif zum Negatif überging und vom Negatif positife Photographien auf gesilbertes Albumin oder Salzpapier übertrug. Wer heut zu tage die herrlich schönen Bilder auf Papier sieht, kann sich kenen Begriff bilden, wie armseelig und kraftlos im Anfange diese Bilder waren.»[9]
Als Sujets bevorzugte Matthäus Keust Kapuzinerklöster und die Patres, Dorfansichten und Porträts der Bevölkerung. Erhalten ist ein Album mit 68 grossformatigen Fotos unter anderem vom Kloster, von Altdorf und dessen Bewohnern.[1]

Nachlass
Der Nachlass von P. Matthäus Keust befindet sich heute im Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner im Kloster Wesemlin.[10] Dort liegt auch das Manuskript seiner Autobiografie aus dem Jahre 1891, die der Zürcher Volkskundler Paul Hugger unter dem Titel "Ein Kapuzinerleben. Bekenntnisse eines törichten Herzens" als Band 18 der Reihe Das volkskundliche Taschenbuch 1999 herausgegeben hat. Einige seiner Fotoapparate kamen 1995 als Schenkung an das Historische Museum Olten.[11]
Literatur
- Martin Eduard Fischer: Der Kulturkampf in Olten : Wegbereiter und Akteure. In: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte. Band 86 (2013). S. 109–154. Online
- P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X.
- Paul Hugger: Ein Schweizer Kapuziner als Pionier der Fotografie oder die Versuchung einer neuen Muse. In: ders.: Der schöne Augenblick. Schweizer Photographen des Alltags. Zürich 1989, ISBN 3-907495-05-5, S. 46–94.
- Paul Hugger: Lust und Last. Der Schweizer Fotopionier Matthäus Keust (1828-1898). In: Fotogeschichte. Heft. 90, Jg. 23 (2003), S. 3–10, ISSN 0720-5260.
- Josef Küng: 425 Jahre Kapuziner in Appenzell (1586-2011). In: Appenzeller Jahrbücher. Band 138 (2011), S. 82-96. Online
Film und Video
- Friedrich Kappeler: Der schöne Augenblick. 1986. Nach einer Idee von Hans-Ulrich Schlumpf. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde. Kurzangaben zum Film
Weblinks
- Sylvia Bärtschi-Baumann: Matthias Keust. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- Schweizer Kapuzinerprovinz und Provinzarchiv
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Sylvia Bärtschi-Baumann: Matthias Keust. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 68.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 107.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1984 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S.. 245.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 198.
- ↑ Martin Eduard Fischer: Der Kulturkampf in Olten : Wegbereiter und Akteure. In: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte. Band 86 (2013), S. 109–154.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1884 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 299.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 160/161.
- ↑ P. Matthäus Keust: Kapuzinerleben. Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1884 (= Das volkskundliche Taschenbuch, 18). Hg. von Paul Hugger. Zürich 1999, ISBN 3-85791-307-X, S. 164.
- ↑ Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner Luzern. Bibliothek / Archiv im Klostern Luzern
- ↑ Hans Brunner: Historisches Museum Olten. In: Jurablätter : Monatsschrift für Heimat- und Volkskunde. Band 57 (1995). Heft 4. S. 62.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Keust, Matthäus |
| ALTERNATIVNAMEN | Keust, Hans (Taufname) |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Kapuziner |
| GEBURTSDATUM | 18. September 1828 |
| GEBURTSORT | Härkingen SO |
| STERBEDATUM | 3. März 1898 |
| STERBEORT | Altdorf UR |
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