Ida Sterno

Ida Sterno (geboren 1902 in Bukarest, Königreich Rumänien; gestorben 14. Mai 1964 in Brüssel, Belgien) war eine jüdische rumänisch-belgische Sozialarbeiterin und Widerstandskämpferin.

Sie war Mitglied des Comité de défense des Juifs (CDJ). Gemeinsam mit Yvonne Jospa und Maurice Heiber arbeitete sie an der Rettung jüdischer Kinder in Belgien. Im Mai 1944 wurde sie verhaftet und vier Monate lang von der Gestapo im SS-Sammellager Mecheln festgehalten und entging nur dank des Vormarsches der alliierten Truppen der Deportation. Nach dem Krieg arbeitete sie für die Aide aux israélites victimes de la guerre (AIVG), die Nachfolgeorganisation des CDJ.[1]

Leben

Sterno wurde in eine nichtreligiöse, relativ bürgerliche jüdische Familie geboren. 1916 folgte sie ihrem älteren Bruder Mayer Sterno nach Lüttich, der dort Ingenieurwesen studierte. Zweifellos war er es, der sie im Orphelinat rationaliste anmeldete, dem ersten säkularen Waisenhaus Belgiens, das einen auf Säkularismus basierenden Unterricht anbot. Marie Mulle (1894–1964), die von 1910 bis 1917 dort Leiterin war, unterstützte Sterno und schlug ihr auch ein Studium der Sozialarbeit vor. Nach einer kurzen Rückkehr nach Rumänien beschloss sie, sich endgültig in Belgien niederzulassen, unter anderem, um dem traditionalistischen Geist ihrer Familie zu entkommen.[2]

1923 stellte sie den Antrag, sich dauerhaft in Belgien bei ihren Brüdern niederzulassen und ein Studium der Sozialarbeit zu absolvieren. Im selben Jahr schrieb sie sich an der École Centrale de Service Social in Brüssel ein. Sie war eine der ersten Studentinnen an dieser politisch und konfessionell neutralen Einrichtung, die in zwei Jahren zum Beruf der Sozialassistentin oder Sozialhelferin ausbildete. Sie verbrachte zwei Jahre in den Vereinigten Staaten, um sich in der betrieblichen Sozialarbeit weiterzubilden, und arbeitete 1936 ein Jahr lang in der Bildungsabteilung des Kaufhauses À l’innovation in Brüssel.[2]

1936, während des Spanischen Bürgerkriegs, engagierte sie sich in der Hilfe für spanische Flüchtlingskinder. Anschließend war sie Leiterin des Sozialdienstes bei den Gas- und Elektrizitätswerken im Hainaut, musste diese Stelle jedoch aufgrund von antijüdischen Repressionen aufgeben, die nach der deutschen Besetzung Belgiens durch die Nationalsozialisten ergriffen wurden. Sie heiratete Victor Hendrickx, einen Nichtjuden, doch die beiden lebten nie zusammen; es handelte sich wahrscheinlich um eine Scheinehe, um der Verfolgung der Juden zu entgehen.[2]

Als die Gestapo im August 1942 mit ersten großen Razzien begannen, wurde auf Initiative von Ghert Jospa, Kommunist und Mitglied der belgischen Résistance in der Front de l’Indépendance, das Comité de Défense des Juifs (CDJ) gegründet. Maurice Heider organisierte die „Kinderkommission“ mit einem Netzwerk, das bis zu zwanzig Frauen in drei Gruppen umfasste: Eine Gruppe war dafür zuständig, Kinder ausfindig zu machen, die versteckt werden mussten, eine andere, diese Kinder unterzubringen, und die dritte Gruppe kümmerte sich um die administrativen Aufgaben. Sterno trat über die Vermittlung von Yvonne Jospa dem CDJ bei und übernahm unter dem Decknamen „Mademoiselle Jeanne“ die Leitung der Unterbringungsgruppe. Ihrerseits rekrutierte sie Andrée Geulen-Herscovici und Paule Renard. Als Heiber im Mai 1943 verhaftet wurde, übernahm Yvonne Jospa dessen Führungsaufgaben.[2][3]

Als die Deutschen im Mai 1943 eine Razzia in der Gatti de Gamond-Schule durchführten und die dort anwesenden zwölf jüdischen Kinder sowie die Schulleiterin Odile Ovart-Henri und ihren Ehemann Rémy Ovart festnahmen, tauchte Sterno in einer von Geulen unter falschem Namen gemieteten Wohnung unter.[4]

Sterno wurde am 29. Mai 1944 verhaftet, als sie im Café Beau Séjour Informationen mit der ebenfalls im CDJ aktiven Félicie Perelman austauschte. Perelman besaß einen offiziellen Ausweis, Sterno wurde verhaftet. Es gelang ihr jedoch, Dokumente, die sie bei sich führte, auf einen benachbarten Stuhl zu schieben. Nach Verhören, bei denen sie nichts preisgab, wurde sie in das SS-Sammellager Mecheln überführt, wo sie vier Monate lang bis zur Befreiung des Lagers in Haft war.[3][5][6][7] Später erfuhr sie, dass sich Mitglieder des CDJ für sie eingesetzt und sogar Königin Elisabeth um Hilfe gebeten hatten, was möglicherweise dazu beitrug, sie vor der Deportation ins Deutsche Reich zu bewahren.[8]

Nach dem Krieg nahm Sterno ihre Sozialarbeit wieder auf und half überlebenden Juden über die Nachfolgeorganisation des CDJ, die Aide aux israélites victimes de la guerre (AIVG). 1957 verfasste Sterno einen knappen Augenzeugenbericht zu ihren Erlebnissen während des Holocausts.[6]

Sterno starb 1964 an einem Herzinfarkt.[9]

Ein Teil der Unterlagen von Sterno, der die Namen der Kinder und die Kontaktdaten ihrer Pflegefamilien enthält, wurde wiedergefunden und wird im Jüdischen Museum von Belgien aufbewahrt.[10]

Einzelnachweise

  1. Marcel Frydman: Le traumatisme de l'enfant caché: Répercussions psychologiques à court et à long termes. Éditions L'Harmattan, Paris 2002, ISBN 978-2-7475-2142-0.
  2. a b c d Sarah Belli: Assistantes sociales en Résistance. Note sur Yvonne Jospa et Ida Sterno. In: Les Cahiers de la Mémoire Contemporaine. Band 7, 2006, S. 37–55, doi:10.4000/cmc.787.
  3. a b Suzanne Vromen: Hidden Children of the Holocaust: Belgian Nuns and their Daring Rescue of Young Jews from the Nazis. Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-973905-9, S. 171, 272, 298–301 (google.be).
  4. Paldiel Mordecai: Saving the Jews: Amazing Stories of Men and Women who Defied the «Final Solution». Schreiber Publishing, Rockville, MD 2000, ISBN 978-1-887563-55-0.
  5. Andrée Geulen-Herscovici. In: The Righteous Among the Nations, Featured Stories. Yad Vashem, abgerufen am 21. Juli 2026.
  6. a b Eyewitness account by Ida Sterno of her experiences of hiding Jewish children in Belgium. The Wiener Holocaust Library, 1957, abgerufen am 21. Juli 2026.
  7. Dorien Styven: Populaire mythevorming rond het Joods Verdedigingscomité. In: Les Cahiers de la Mémoire Contemporaine. Band 11, 2014, S. 157–201, doi:10.4000/cmc.372.
  8. Mordecai Paldiel: Saving One's Own: Jewish Rescuers During the Holocaust. University of Nebraska Press, Lincoln, NE 2017, ISBN 978-0-8276-1261-7.
  9. Ida Sterno Who Rescued Children from Nazis Dies in Brussels. Jewish Telegraphic Agency, 15. Mai 1964, abgerufen am 21. Juli 2026.
  10. Fabrice Maerten: Papy était-il un héros?: Sur les traces des hommes et des femmes dans la résistance pendant la Seconde Guerre mondiale. Éditions Lannoo, Tielt 2020, ISBN 978-94-014-6760-5 (google.be).

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