Elementargeister

Heinrich Heine (Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Elementargeister ist ein Essay von Heinrich Heine, der zuerst auf Französisch 1835 unter dem Titel Traditions populaires als sechster Teil von De l'Allemagne erschien. Der deutsche Text erschien 1837 im dritten Teil von Heines Sammelwerk Der Salon bei Hoffmann und Campe in Hamburg.

Hintergrund

In Ueber den Denunzianten, Heines Vorrede zum 3. Teil des Salons, in dem die Elementargeister erstmals auf Deutsch erschienen, schreibt er:

„Die ‚Elementargeister‘ sind nur die deutsche Bearbeitung eines Kapitels aus meinem Buche ‚De l’Allemagne;‘ alles was ins Gebieth der Politik und der Staatsreligion hinüberspielte, ward gewissenhaft ausgemerzt, und nichts blieb übrig als eine Reihe harmloser Mährchen, die, gleich den Novellen des Dekamerone, dazu dienen könnten, jene pestilenzielle Wirklichkeit, die uns dermalen umgiebt, für einige Stunden zu vergessen. Das Gedicht, welches am Schlusse des Buches, habe ich selber verfaßt, und ich denke, es wird meinen Feinden viel Vergnügen machen; ich habe kein besseres geben können.“[1.1]

Im Dezember 1835 waren durch einen Beschluss des Bundestags in Frankfurt am Main die Schriften des Jungen Deutschland und an erster Stelle die von Heinrich Heine im Gebiet des Deutschen Bundes summarisch verboten worden. Heine unternahm eine ganze Reihe von Bemühungen, diesen Beschluss – jedenfalls sofern er ihn betraf – aufheben oder abmildern zu lassen oder ihn zu umgehen. Dazu gehörte auch der dritte Band des Salon mit den Elementargeistern und den Florentinischen Nächten als Belege für die Harmlosigkeit seiner Schriften.

„Ein kostbares, welterfreuliches […] Buch amüsanten Inhalts und kein Censor in der ganzen Welt wird etwas dran auszusetzen haben“, so beschreibt Heine das Werk in einem Brief vom 2. Juli 1835 an seinen Verleger Campe.[2] Ein weiterer Aspekt war der Umfang des geplanten Bandes. Aufgrund der Karlsbader Beschlüsse von 1819 unterlagen Druckschriften mit einem Umfang unter 20 Bogen der Vorzensur, die es zu vermeiden galt. Ein Bogen im Quartformat entsprach 16 Druckseiten, das heißt, dass der 3. Band des Salon einen Umfang von mindestens 320 Seiten haben musste.[3.1] Es musste also der Text in der Selbstzensur gekürzt werden, andererseits musste der Umfang zur Vermeidung der Vorzensur erweitert werden. So wurde der Abschluss des Werkes kompliziert, für Heine recht qualvoll und zog sich hin.[3.2]

Das von Heine in der oben zitierten Vorrede erwähnte Gedicht über den Tannhäuser erschien 1844 in veränderter Fassung in den Neuen Gedichten. Die französische Fassung des vollständige Texts der Elementargeister erschien 1855 in der Neuausgabe von De l'Allemagne, nun allerdings in zwei Teile zerlegt als 7. und 9. Teil, der 9. Teil zusammen mit den zuvor als Journaldruck erschienenen Göttern im Exil (französisch Les dieux en exil).

Inhalt

Der Text beginnt unvermittelt mit der Nacherzählung einer Sage über den Sachsenherzog Wittekind, die sich in den Deutschen Sagen der Gebrüder Grimm findet.[4] Heine überhäuft insbesondere Jakob Grimm mit Lob, kündigt an, sich der Grimmschen Sagen öfters bedienen zu wollen, stellt dann aber Paracelsus als eine „Hauptquelle für Erforschung des altgermanischen Volksglaubens“ dar[1.2] mit seiner Einteilung der Elementargeister in Nymphen, Undinen, Silvanen und Salamander entsprechend den 4 Elementen. „Wir haben keine Gründe anzunehmen […] daß diese Wesen dem Teufel gehören; und was der Teufel selbst ist, das wissen wir auch noch nicht“, sagt Paracelsus. Die Einteilung des Paracelsus wirft Heine aber sogleich über Bord und bekennt sich zum Volksglauben:

„Den Volksglauben selbst in ein System bringen, wie Manche beabsichtigen, ist aber eben so unthunlich, als wollte man die vorüberziehenden Wolken in Rahmen fassen. Höchstens kann man unter bestimmten Rubriken das Aehnliche zusammentragen. Dieses wollen wir auch in Betreff der Elementargeister versuchen.“[1.2]

Zwerg in Betrachtung einer Eisenbahn (Carl Spitzweg, ca. 1848)
Elfentanz auf einer Wiese (Nils Blommér, 1850)

Er untersucht zunächst anhand verschiedener Sagengeschichten die „Wichtelmänner, Gnomen, Metallarii, kleines Volk, Zwerge“ genannten Wesen.[1.3] Als Nächstes behandelt Heine dann die Elfen, die Luftgeister, verknüpft die mit der Welt der keltischen Sagen, erwähnt Shakespeares Sommernachtsraum und die Elfenkönigin in Spensers Faerie Queene und zitiert sich dann selbst mit einem Gedicht, das als Nr. 32 des Zyklus Neuer Frühling 1844 in Heines Neue Gedichte aufgenommen wurde und mit „In dem Wald, im Mondenscheine, / Sah ich jüngst die Elfen reuten …“ beginnt. Vom Elfenritt kommt Heine zum Elfentanz, den Heine als ein gefährliches und mitunter tödliches Vergnügen, wie man an der von Saqe vom Herrn Oluf sieht. Von den tanzenden Elfen ist dann nur ein kurzer Weg zur slawischen Sage von den „Willis“, vor ihrer Hochzeit gestorbenen Bräuten, deren unbefriedigte Tanzlust sie aus dem Grab steigen und an Kreuzwegen einsame Wanderer in einen wilden Tanz bis zum Tod zwingen lässt.[1.4]

Rheintöchter (Johann Heinrich Füssli, ca. 1794)

Nach den Erd- und den Luftgeistern treten anschließend die Nixen als Vertreter der Wassergeister auf, die auch gerne tanzen, nun aber bei Teichen und Flüssen. Heine berichtet von den meist tragisch verlaufenden Beziehungen zwischen Nixen bzw. Wassermännern und Menschen, wobei er wieder eine der Grimmschen Sagen verwendet.[5] Böse endet auch die Geschichte des Schwanenritters der in der Variante mit der Prinzessin Beatrix von Kleve nicht Lohengrin, sondern Helias heißt, aber auch verschwindet, sobald man ihn nach seiner Herkunft befragt.[6] Von den Schwanenrittern spannt Heine dann den assoziativen Bogen zu den Schwanenjungfrauen, die nach Anlegen eines Schwanenhemdes sich in die Lüfte heben können und bei denen Heine auch nicht entscheiden mag, ob sie eher zu den Luft- oder zu den Wassergeistern zu zählen sind. Das dunkle Gegenstück zur Schwanenjungfrau ist der Nachtrabe, von dem Heine eine von Wilhelm Grimm übersetzte altdänische Ballade mitteilt[7], bei der er sich nur ein paar unbedeutende „metrische Veränderungen erlaubte, […] nur am Aeußerlichen, an dem Gewande, hie und da ein Bischen geschneidert“ habe.[1.5] Tatsächlich hat er den Balladentext ganz erheblich überarbeitet.[8.1] In dem Gedicht trifft die Schwanenjungfrau Adelutz auf den wilden Nachtraben, der ihren Geliebten getötet hat. Es kommt zum Luftkampf: „Und als sie den wilden Nachtraben traf, / Sie schnitt ihn entzwey in der Mitten“ – und findet schließlich selbst den Tod.

Es folgt dann die Sage vom Wispertal in der Heineschen Fassung als eine durch die drei Hexen bei Macbeth hervorgerufene Reminiszenz, die in der von Shakespeare verwendeten Quelle keine Hexen, sondern Feen und ein Nachhall der germanischen Walküren gewesen seien. Bei Heine begegnen drei Handwerksburschen im Wispertal drei wunderschönen Frauen, die sie in ihr Schloss einladen und sie heiraten wollen, zuvor sollen sie aber von Sperling, Elster und Eule Auskünfte einholen. Die Eule gibt einen misogynen Spruch über das trügerische Wesen der Frauen von sich, der sich aber bestätigt, denn die wunderschönen Jungfrauen sind in Wahrheit alte Hexen.[1.6]

Die Frage ob holde Fee oder Hexe erörtert Heine dann im Kontext des Sieges des Christentums über das Heidentum, nämlich, dass das Christentum die heiligen Orte der Heiden, als da sind Steine, Bäume und Flüsse, entweder selbst in Beschlag genommen oder verteufelt hat:

„Diese drey, Steine, Bäume und Flüsse, erscheinen als Hauptmomente des germanischen Cultus, und damit korrespondirt der Glaube an Wesen die in den Steinen wohnen, nemlich Zwerge, an Wesen die in den Bäumen wohnen, nemlich Elfen, und Wesen die im Wasser wohnen, nemlich Nixen. Will man einmal systematisiren, so ist diese Art weit zweckmäßiger, als das Systematisiren nach den verschiedenen Elementen, wo man noch für das Feuer eine vierte Klasse Elementargeister, nemlich die Salamander annimmt.“[1.7]

Satan vor seinem Höllenpalast (John Martin, 1841)

Womit Heine bei den Feuergeistern angekommen ist. Heine referiert dann noch eine empirische Untersuchung, die er als Knabe durchgeführt haben will. Angeblich soll der Salamander-Lurch imstande sein, im Feuer zu leben. Der Knabe Heine hat es ausprobiert, einen gefangenen Salamander in den Ofen geworfen und das Tier ist verkohlt. Salamander im Sinne von Feuergeistern kenne der Volksglaube aber nicht, beziehungsweise nur einen, dessen Element das Feuer ist, nämlich „Luzifer, Satan, der Teufel“. Heine ergreift die Gelegenheit, einige Teufels-Sagen und Teufels-Anekdoten wiederzugeben, darunter die von der Begegnung des Teufels mit Martin Luther in einer von Johann Georg Gödelmann überlieferten Form.[9] Mit Verweisen auf den Teufel im Goetheschen Faust und in Grabbes Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung endet der erste Abschnitt des Essays.

Der zweite Teil beginnt mit einer Geschichte, die sich 1820 in Göttingen zugetragen haben soll, als Heine dort studierte. Es geht darin um einen verhinderten Autor namens Heinrich Kitzler[10], der immer wieder mit seinen Buchprojekten scheitert, da er jedes Mal, wenn er ein Thema ausführlich erörtert hat, aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit es unternimmt, auch die der seinen entgegengesetzte Position zu begründen und darzustellen, bis er am Ende sich selbst vom Gegenteil überzeugt hat und sich gezwungen sieht, sein Manuskript ins Feuer zu werfen, im vom Heine beschriebenen Fall eine Abhandlung über die „Vortrefflichkeit des Christentums“.

Was sprach nun gegen die Vortrefflichkeit des Christentums? Kitzler bzw. Heine zufolge die Barbarei, die sich im Bildersturm der frühen Christen, der Zerstörung der heidnischen Tempel und Bildwerke äußerte, begründet mit einer Umdeutung der antiken Götter zu Teufeln und Dämonen. Er kritisiert die antiken Verteidiger des Heidentums, da ihre Argumente am Kern der Sache vorbeigingen:

„Es galt nemlich nicht die tiefere Bedeutung der Mythologie durch neoplatonische Spitzfindigkeiten zu beweisen, den erstorbenen Göttern ein neues symbolisches Lebensblut zu infusiren und sich mit den plumpen, materiellen Einwürfen der ersten Kirchenväter, die besonders über den moralischen Charakter der Götter fast voltairisch spotteten, tagtäglich abzuquälen: es galt vielmehr den Helenismus selbst, griechische Gefühls- und Denkweise, zu vertheidigen und der Ausbreitung des Judäismus, der judäischen Gefühls- und Denkweise, entgegenzuwirken. Die Frage war: ob der trübsinnige, magere, sinnenfeindliche, übergeistige Judäismus der Nazarener, oder ob helenische Heiterkeit, Schönheitsliebe und blühende Lebenslust in der Welt herrschen solle? Jene schönen Götter waren nicht die Hauptsache; niemand glaubte mehr an die ambrosiaduftenden Bewohner des Olymps, aber man amüsirte sich göttlich in ihren Tempeln, bey ihren Festspielen, Mysterien; da schmückte man das Haupt mit Blumen, da gab es feyerlich holde Tänze, da lagerte man sich zu freudigen Mahlen … wo nicht gar zu noch süßeren Genüssen.“[1.8]

Heine behandelt nun das Überleben der antiken Götter als Dämonen als literarischen Stoff bzw. als Programm. „[N]euere Poeten schöpften hier die Motive ihrer schönsten Dichtungen“, merkt er an und gibt sogleich eine Paraphrase des Eichendorffschen Marmorbilds, gefolgt von einer recht ähnlichen Sage, die er einem Werk des 17. Jahrhunderts mit dem Titel Mons Veneris, Fraw Veneris Berg entnommen hatte.[11] Damit ist Heine bei der Sage vom Venusberg und ihrem Tannhäuser angelangt, dem der Rest des Textes gewidmet ist.

Tannhäuser und Frau Venus (Otto Knille, 1873)
Der Minnesänger Tannhäuser im Codex Manesse, den Heine sich in der Pariser Bibliothèque royale in Paris 1831 vorlegen ließ[12]

Was die von Heine genutzten Quellen betrifft, so entsprechen die von ihm angegebenen, nämlich Heinrich Kornmanns Mons Veneris, Fraw Veneris Berg von 1644[13] und davon abhängig die Blockes-Berges Verrichtung des Johannes Praetorius von 1668[14], gefolgt von der Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano (1806)[15], der jüngeren Überlieferungsgeschichte der sogenannten Tannhäuser-Ballade. Neben diesen war ein kurioses Werk in Heines Besitz eine vermutliche Quelle, nämlich Friedrich Ludwig Ferdinand von Dobenecks Des deutschen Mittelalters Volksglauben und Heroensagen, der neben allen möglichen Fabelwesen, Feen, Nixen, Zwergen etc. auch das Wütende Heer, Venusberg und Tannhäuser erwähnt.[16]

Eine von Heine nicht genannte, aber von ihm nachweislich gelesene und exzerpierte Quelle ist der erste Band von Christian August Vulpius herausgegebenen Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt und darin der Aufsatz Frau Venus und ihr Hof im Venusberge. Eine alte Thüringische Volkssage.[17][8.2] Darin gibt der mit Geschichten über bärtige Frauen und dergleichen sich hier als Buntschriftsteller betätigende Schwager Goethes ziemlich genau die Linie vor, der Heine in seinem Aufsatz dann folgt, beginnend mit Paracelsus, diversen Elementar- und Feenwesen und schließlich auf die Frau Venus im Venusberg kommend, „gleichsam die Königin der Elementargeister , die Gebieterin aller zärtlichen Nixen, Ondinen, Sylphiden, Gnomiden, und Salamandriden“.[18] Vulpius druckt dann eine Fassung des Balladentexts ab und Heine folgt seinem Beispiel, wobei er sich sehr weitgehend an die Textfassung aus Des Knaben Wunderhorn hält.

Heine schreibt dann:

„Es war mir als hätte ich in einem dumpfen Bergschacht plötzlich eine große Goldader entdeckt, und die stolzeinfachen, urkräftigen Worte strahlten mir so blank entgegen, daß mein Herz fast geblendet wurde von dem unerwarteten Glanz. Ich ahnte gleich, aus diesem Liede sprach zu mir eine wohlbekannte Freudenstimme; ich vernahm darinn die Töne jener verketzerten Nachtigallen, die, während der Passionszeit des Mittelalters, mit gar schweigsamen Schnäblein sich versteckt halten mußten, und nur zuweilen, wo man sie am wenigsten vermuthete, etwa gar hinter einem Klostergitter, einige jauchzende Laute hervorflattern ließen. […] Durch Zufall erhielt ich ebenfalls unlängst eine Bearbeitung desselben Liedes, wo kaum der äußere Rahmen der älteren Versionen beybehalten worden, die inneren Motive jedoch aufs sonderbarste verändert sind.“[1.9]

Diese „Bearbeitung“ der Tannhäuser-Ballade, die natürlich von Heine, dem der ungehobene Goldschatz keine Ruhe ließ, selbst verfasst worden ist, bildet dann den Schluss des Textes.[1.10] Die Ballade beginnt relativ konventionell:

Ihr guten Christen laßt Euch nicht
Von Satans List umgarnen!
Ich sing' Euch das Tannhäuserlied
Um Eure Seelen zu warnen.

Der edle Tannhäuser, ein Ritter gut,
Wollt’ Lieb' und Lust gewinnen,
Da zog er in den Venusberg,
Blieb sieben Jahre drinnen.

Es folgt dann der Streit zwischen Venus und Tannhäuser, die dem nach Bitternissen schmachtenden Tannhäuser schließlich Urlaub gibt, damit er nach Rom zum Papst ziehen kann. Er kniet dann vor Papst Urban und legt eine nicht ganz überzeugende Beichte ab, die eigentlich eher ein Lobpreis der Venus und ein Bekenntnis seiner Sehnsucht nach ihr ist. Der Papst erwidert:

Der Teufel, den man Venus nennt,
Er ist der schlimmste von allen,
Erretten kann ich dich nimmermehr
Aus seinen schönen Krallen.

Tannhäuser kehrt darauf zurück zu Frau Venus in den Venusberg und gibt dort seiner Geliebten Bericht von der Heimreise, nun ganz in der zur Satire gewendeten, heute aus Deutschland – Ein Wintermärchen bekannten Heine-Diktion:

Auf sieben Hügeln ist Rom gebaut,
Die Tiber thut dorten fließen;
Auch hab' ich in Rom den Pabst gesehn,
Der Pabst er läßt dich grüßen.
[…]
Und als ich auf dem Sanct-Gotthardt stand,
Da hört' ich Deutschland schnarchen,
Es schlief da unten in sanfter Huth
Von sechs und dreyßig Monarchen.

Es folgen diverse Stationen von Tannhäusers Reise durch Deutschland, darunter Weimar, Göttingen und endlich Hamburg:

Zu Weimar, dem Musenwittwensitz,
Da hört' ich viel Klagen erheben,
Man weinte und jammerte: Goethe sey todt
Und Eckermann sey noch am Leben!
[…]
Zu Göttingen blüht die Wissenschaft,
Doch bringt sie keine Früchte.
Ich kam dort durch in stockfinstrer Nacht,
Sah nirgendswo ein Lichte.
[…]
Zu Hamburg, in der guten Stadt,
Soll keiner mich wiederschauen!
Ich bleibe jetzt im Venusberg,
Bey meiner schönen Frauen.

Rezeption

Carlotta Grisi in Giselle

Die Reaktion der Kritik auf die Elementargeister im 3. Band des Salon war dünn und eher ablehnend. Es ist die Rede von „Rumpelkammer“ und einer „bunt durcheinandergewirrte[n] Erzählung“.

Ganz anders die Reaktion auf die Adaption der von Heine in nur einem Absatz abgehandelten Sage von den „Willis“.[1.11] Diese war Inspiration für das klassische Ballettstück Giselle, das nach einem Libretto von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges und Théophile Gautier und zur Musik von Adolphe Adam am 28. Juni 1841 mit großem Erfolg in der Pariser Oper uraufgeführt wurde, wobei Heine als Quelle des Stoffs gebührend gewürdigt wurde. Eine Woche nach der Uraufführung hat der Szenarist Théophile Gautier in La Presse einen 8-seitigen offenen Brief an Heine veröffentlicht, in dem er beschrieb, wie er in Heines De l'Allemagne (dort war der Text in französischer Übersetzung erstmals erschienen) von den tanzenden Gespensterbräuten gelesen und wie es ihn zu einem Ballett angeregt hatte.[19] Heine selbst hatte das Ballett in einem Lutezia-Artikel vom 7. Februar 1842 erwähnt.[20][3.3]

Anlässlich der Aufführungen des Balletts in Deutschland dann überschlugen die deutschen Kritiker geradezu. „Es kann nicht leicht einen schöneren Balletstoff geben, der Poesie, Musik, Choreographie und Decorationskunst in gleichem Grade in Anspruch nimmt, als H. Heine’s Sage von den Wili’s“, meint ein Kritiker im Wiener Wanderer[21], und es ist erstrunlich, welche Assoziationen die melancholische Mär beim Rezensenten des Charivari hervorzurufen vermag:

„Diese Sage, durchathmet von deutscher Heimwehpoesie, hat melancholische Veilchenaugen; wenn man in die hineinsieht, denkt man an Deutschland, an die erste Jugendliebe, an duftende Lindenbäume, an Hölty's Gedichte, an des Rectors Studirmansarde, an sein rosiges Töchterlein, das hinter ‚Gelbveigelein‘ den Properz weit besser explicirt, als der Alte mit seinem philologischen Apparate von Noten und Citaten, denn sie weiß der Sache eine praktische Seite abzugewinnen und so recht ‚in succum et sanguinem zu vertiren‘, man denkt an schlafende Nachtwächter, an Magdeburger Sauerkohl, an Raupach’s Tragödien und Gott weiß an was Alles.“[22]

Eine weitere Adaption des in den Elementargeistern enthaltenen Tannhäuser-Stoffs ist wohlbekannt, nämlich Richard Wagners Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg von 1845.[3.3][23]

Ausgaben

Französische Fassung:

  • Erstausgabe: De l'Allemagne. Sixieme partie. In: Œuvres de Henri Heine. VI. Eugène Renduel, Paris 1835, S. 119–205.
  • Zweite Auflage: De l'Allemagne. Septieme / Neuvieme partie. In: Œuvres completes de Henri Heine. Michel Lévy frères, Paris 1855, S. 41–117 und 181ff.

Deutsche Fassung

  • Erstausgabe: Elementargeister. In: Der Salon von H. Heine. Dritter Band. Hoffmann und Campe, Hamburg 1837, S. 145–279.
  • Zweite Auflage: Elementargeister und Dämonen. In: Über Deutschland. Dritter Theil. Hoffmann und Campe, Hamburg 1868.

Ein weiterer Abdruck eines abweichenden Textes (zusammen mit Die Götter im Exil) ist unter dem Titel Die verbannten Götter. Von Heinrich Heine in der Zeit vom 7. bis 20. April 1853 in 7 Fortsetzungen in den Hamburger Nachrichten erschienen.[24]

Einzelausgaben:

  • Elementargeister. Insel, Leipzig [1920].
  • Elementargeister. Hrsg. von Florian Trabert. Reclams Universal-Bibliothek 19136. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019136-1.

Werkausgaben:

Literatur

  • Dirk Fuhrig: Heine-Säkularausgabe Band 17 : De l'Allemagne II. Kommentar. Akademie Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-005334-8, S. 325–360.
  • Gerhard Höhn: Heine-Handbuch : Zeit, Person, Werk. Metzler, 2004, ISBN 3-476-01965-9, S. 362–368.
  • Fritz Mende, Christa Stöcker: Heinrich Heine Säkularausgabe Band 9: Prosa 1836-1840. Kommentar. Akademie Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-005315-1, S. 156–280.
  • Christa Stöcker: Zur Überlieferung der „Elementargeister“. In: Heine-Jahrbuch 1981, S. 131–146.
Wikisource: Elementargeister – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Heine-Säkularausgabe Band 9: Prosa 1836-1840. Hrsg. von Fritz Mende. Akademie Verlag, Berlin 1979, ISBN 3-05-005314-3.
    1. S. 256.
    2. a b S. 89.
    3. S. 89–93.
    4. S. 93–96.
    5. S. 101–107.
    6. S. 107–110.
    7. S. 111.
    8. S. 120f.
    9. S. 129.
    10. S. 130–136.
    11. S. 95f.
  2. Heine-Säkularausgabe Band 21. Briefe 1831-1841. Hrsg. von Fritz H. Eisner. Akademie Verlag, Berlin 1970, ISBN 3-05-005343-7, S. 114f.
  3. Gerhard Höhn: Heine-Handbuch : Zeit, Person, Werk. Metzler, 2004, ISBN 3-476-01965-9.
    1. S. 23.
    2. S. 363.
    3. a b 367f.
  4. Wittekinds Flucht, Nr. 454. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München [1965], S. 422.
  5. Die drei Jungfern aus dem See, Nr. 307. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München [1965], S. 292.
  6. Das Schwanschiff am Rhein, Nr. 541. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München [1965], S. 539.
  7. Die treue Braut. In: Altdänische Heldenlieder. Übersetzt von Wilhelm Carl Grimm. Heidelberg, 1811, S. 79–83
  8. Fritz Mende, Christa Stöcker: Heinrich Heine Säkularausgabe Band 9: Prosa 1836-1840. Kommentar. Akademie Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-005315-1.
    1. S. 264–267 Originaltext der Grimmschen Übersetzung.
    2. S. 277. Heine hatte den Band schon 1825 in Göttingen entliehen.
  9. Johann Georg Gödelmann: Von Zäuberern, Hexen und Unholden, … verteutsehet … durch M.Georgium Nigrinum … Frankfurt am Main 1592, S. 23f. (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3D7pI8AAAAcAAJ~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  10. Eine Person dieses Namens konnte nicht ermittelt werden. Es könnte sich um eine nach dem Vorbild eines Studienkollegen geformte oder eine komplett fiktive Figur handeln.
  11. Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist Wunderbare und eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen und Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, … newlich zusammen getragen und … an Tag geben Durch Henricum Kornmannum [d.i. Heinrich Kornmann] … Frankfurt am Main 1614, S. 77–81. Nachdruck: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig 1978.
  12. Rolf Hosfeld: Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen. Siedler, 2015, Kap. Die neue Welt.
  13. Heinrich Kornmann: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg. Das ist, Wunderbare vnd eigentliche Beschreibung der alten Haydnischen vnd Newen Scribenten Meynung von der Göttin Venere, ihrem Vrsprung, Verehrung, vnd Königlicher Wohnung, vnd deren Gesellschaft, wie auch von den Wasser, Erd, Lufft vnd Fewer, Menschen, sampt vielen anderen wunderbaren Geschichten ; In vnd auff den Bergen vnd Hölen hin vnd wider in der Welt, so am folgenden Blat zu ersehen, ganz lustig vnd mit Verwunderung zulesen. Fischer, Frankfurt am Main 1644, Cap. XIV, S. 126–132 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3Dhttps%3A%2F%2Fwww.digi-hub.de%2Fviewer%2Fimage%2FBV041966481%2F154%2FLOG_0021%2F~GB%3D~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  14. Johannes Praetorius: Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen; Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket sampt zugehörigen Figuren; Nebenst einen Appendice vom Blockes-Berge wie auch des Alten Reinsteins und der Baumans Höle am Hartz. Scheibe, Leipzig; Arnst, Frankfurt am Main 1668, S. 19–25 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
  15. Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Hrsg. von Heinz Rölleke. Band 1. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1979, S. 80–83.
  16. Heines Privatbibliothek (Nachlassbibliothek), abgerufen am 1. August 2026.
  17. Christian August Vulpius: Frau Venus und ihr Hof im Venusberge. Eine alte Thüringische Volkssage. In: (ders.): Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt zur angenehmen Unterhaltung für gebildete Leser. Band 1. Verlag des Landes-Industrie-Comptoirs, Weimar 1811, S. 545–557 (Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3Dzn45AAAAcAAJ~IA%3D~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D).
  18. Christian August Vulpius: Curiositäten … Bd. 1. Weimar 1811, S. 546.
  19. Theophile Gautier: Ecrits sur la danse. Chroniques choisies, présentées et annotees par Ivor Guest. Arles, 1995. Brief: A M. Heinrich Heine, a Cauterets, S. 117–124.
  20. Düsseldorfer Heine-Augabe. Band 13/1: Lutezia 1. Bearbeitet von Volkmar Hansen. Hoffmann und Campe, Hamburg 1988, ISBN 3-455-03014-9, S. 154ff.
  21. Der Wanderer. Wien. Nr. 75 vom 29. März 1842, S. 299f.
  22. Robert Falck: Gisela oder die Willys. In: Charivari. Nr. 37, 11. Juni 1843, S. 587f.
  23. Dieter Borchmeyer: Die Götter tanzen Cancan. Heinrich Heines und Richard Wagners Venusberg-Pantomimen. In: Ruperto Carola. Zeitschrift der Vereinigung der Freunde der Studentenschaft der Universität Heidelberg Nr. 82, 42. Jg. Heidelberg 1990, S. 41–55.
  24. Abgedruckt in: Christoph auf der Horst: Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen Bd. 11 : Rezensionen und Notizen zu Heines Werken aus den Jahren 1852 bis 1854. Metzler, 2005, ISBN 3-476-00070-2, Nr. 5057, 5061–5064, 5070, 5071.

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