Edith Heard

Edith Heard, 2024

Edith Heard (* 5. März 1965 in London) ist eine britisch-französische Genetikerin.[1] Sie befasst sich vor allem mit der Rolle der Epigenetik bei der Entwicklung von Säugetieren. Seit September 2025 ist sie Direktorin und Chief Executive Officer des Francis Crick Institute in London.[2]

Leben

Heard wuchs in London in einem griechischsprachigen Elternhaus auf und sprach bei ihrer Einschulung zunächst kein Englisch.[1] Als Kind spielte sie Klavier und Klarinette und erwog zunächst eine Laufbahn als Musikerin.[3] An der Universität interessierte sie sich zunächst besonders für Physik und Astronomie, wechselte aber nach der Begegnung mit der Biologie rasch den Schwerpunkt.[1] Heard studierte an der University of Cambridge Naturwissenschaften (Tripos, Bachelor 1986) und erwarb 1990 bei M. Fried am Imperial Cancer Research Fund in London einen Ph.D. in Genetik. Während ihrer Promotion in der Krebsforschung wurde Epigenetik zu einem schwerpunktmäßigen Forschungsinteresse, weil Veränderungen in Krebszellen sich nicht allein durch die DNA-Sequenz erklären ließen.[4] Als Postdoktorandin arbeitete sie bei P. Avner am Institut Pasteur in Paris, wo sie auch eine erste Festanstellung erhielt. Nach einem Jahr Forschungsaufenthalt am Cold Spring Harbor Laboratory (New York) gründete Heard 2001 am Institut Curie in Paris eine eigene Forschungsgruppe. 2010 wurde sie Direktorin der dortigen Abteilung für Genetik und Entwicklungsbiologie. 2012 erhielt sie zusätzlich eine Professur für Epigenetik und zelluläres Gedächtnis am Collège de France. 2016 gehörte Heard am Collège de France zu den Mitinitiatoren des Programms PAUSE, das bedrohte oder geflüchtete Wissenschaftler aus Krisen- und Kriegsgebieten in Frankreich unterstützt.[1] Von Januar 2019 bis 2025 war Heard Generaldirektorin des EMBL (Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie) in Heidelberg.[5] Sie war die erste Frau an der Spitze des EMBL.[1] 2020 wurde sie in den Senat der Max-Planck-Gesellschaft berufen,[6] 2021 in den Science Council der World Health Organization (WHO).[7] Im September 2025 übernahm sie die Leitung des Francis Crick Institute in London.[2]

Wirken

Heards Forschung gilt der Frage, wie Zellen bei identischer DNA unterschiedliche, stabile Identitäten annehmen und diese über Zellteilungen hinweg erhalten.[3] Edith Heard konnte wesentliche Beiträge zur Rolle der Epigenetik bei der normalen Entwicklung von Säugetieren leisten. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die X-Chromosom-Inaktivierung, bei der in weiblichen Säugetierzellen eines der beiden X-Chromosomen epigenetisch stillgelegt wird.[8] Sie untersuchte dabei, warum eines von zwei X-Chromosomen ausgeschaltet wird, obwohl beide im selben Zellkern liegen.[4] Um diesen Prozess in einzelnen Zellen verfolgen zu können, entwickelte ihre Arbeitsgruppe Bildgebungsverfahren mit fluoreszierenden Markierungen der DNA.[4] Ihre Arbeiten zeigten, dass die X-Chromosom-Inaktivierung während der Entwicklung in mehreren Phasen stattfindet und dass bereits festgelegte Zellzustände unter bestimmten Umständen wieder aufgehoben werden können.[4] So untersuchte sie die Rolle der Xist-RNA bei der X-Chromosom-Inaktivierung, konnte zeigen, dass dieser Mechanismus sich bei verschiedenen Säugetieren deutlich unterscheiden kann, und war an der Entdeckung der Topologically associating domains (TAD) beteiligt.[5] Die medizinische Bedeutung dieser Arbeiten liegt auch darin, dass Störungen der X-Inaktivierung mit der frühen Embryonalentwicklung, neurologischen und Autoimmunerkrankungen sowie bestimmten Krebsformen verbunden sind.[8] Heard arbeitete zudem mit Ärzten zusammen, um epigenetische Markierungen in der frühen menschlichen Entwicklung und bei Erkrankungen wie Brustkrebs besser zu verstehen.[8] Neuere Arbeiten befassen sich mit der Frage, wie die Organisation von Chromatin und Chromosomen an der Genregulation beteiligt sind. Zugleich wandte sich Heard gegen überzogene populäre Erwartungen an die Epigenetik; für eine Vererbung umweltbedingter epigenetischer Veränderungen über mehrere Generationen beim Menschen sah sie keine belastbare Evidenz.[4] In der Krebsforschung liegt die Bedeutung epigenetischer Ansätze unter anderem darin, dass bestimmte krankhafte Veränderungen der Genaktivität grundsätzlich reversibel sein können.[1]

Als EMBL-Generaldirektorin verfolgte Heard eine stärkere Verbindung molekularbiologischer Forschung mit Ökologie und Umweltfragen.[3] Das von ihr vorangetriebene EMBL-Programm „Molecules to Ecosystems“ zielte auf die Untersuchung biologischer Prozesse vom Molekül bis zum Ökosystem in ihrem natürlichen Kontext.[8] Zu den von ihr hervorgehobenen Fragen gehörten die Entstehung von Pandemien und die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen auch außerhalb klinischer Umgebungen.[1] Während ihrer Amtszeit kooperierte EMBL mit DeepMind, um die AlphaFold-Software und Vorhersagen von Proteinstrukturen der wissenschaftlichen Gemeinschaft offen zugänglich zu machen.[9] Die ersten veröffentlichten Vorhersagen umfassten rund 350.000 Proteinstrukturen aus dem menschlichen Proteom und aus wichtigen Modellorganismen.[9]

Laut Datenbank Scopus hat Heard einen h-Index von 76 (Stand Juli 2025).[10]

Auszeichnungen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Manuel Ansede: ‘We will be dying from antibiotic-resistant bacterial infections in a decade’. In: El País. 25. Juni 2021, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  2. a b Welcome Edith Heard. In: crick.ac.uk. Francis Crick Institute, 1. September 2025, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  3. a b c Karen Weintraub: A Creative Force in Understanding Genes. In: The New York Times. 5. September 2019, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  4. a b c d e Catherine de Lange: Edith Heard: 'We can't undo what our parents have given us in terms of our genes'. In: The Guardian. 23. Juni 2013, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  5. a b Biography and publications. In: college-de-france.fr. Collège de France, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  6. Members - Director General - EMBL - Biography. Abgerufen am 5. Mai 2021 (englisch).
  7. EMBL DG joins WHO Science Council. In: embl.org. 26. April 2021, abgerufen am 31. Juli 2021 (englisch).
  8. a b c d e f Biologist Edith Heard awarded the 2024 CNRS Gold Medal. In: cnrs.fr. Centre national de la recherche scientifique, 1. Oktober 2024, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  9. a b Paul Rincon: AI breakthrough could spark medical revolution. In: BBC News. 22. Juli 2021, abgerufen am 9. Juli 2026 (englisch).
  10. Heard, Edith. In: scopus.com. Scopus, abgerufen am 12. Juli 2025 (englisch).
  11. Edith Heard. In: embo.org. European Molecular Biology Organization, abgerufen am 21. August 2019 (englisch).
  12. Edith Heard. In: ae-info.org. Academia Europaea, abgerufen am 21. August 2019 (englisch).
  13. Edith Heard. In: royalsociety.org. Royal Society, abgerufen am 21. August 2019 (englisch).
  14. Décret du 3 avril 2015 portant nomination. 3. April 2015 (gouv.fr [abgerufen am 21. August 2019]).
  15. Edith Heard, Grand Prix Inserm 2017. In: inserm.fr. INSERM, abgerufen am 21. August 2019 (französisch).
  16. ESHG Award Laureates. In: eshg.org. European Society of Human Genetics, abgerufen am 21. August 2019 (englisch).
  17. Katharina Jansen: Familie-Hansen-Preis 2019 geht an Prof. Edith Heard. Bayer AG, Pressemitteilung vom 3. Juli 2019 beim Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de), abgerufen am 21. August 2019.
  18. Mitgliedseintrag von Edith Heard bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina

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