Desolation Row
| Desolation Row | |
|---|---|
| Bob Dylan | |
| Veröffentlichung | 30. August 1965 |
| Länge | 11:22 |
| Genre(s) | Folk |
| Autor(en) | Bob Dylan |
| Label | Columbia Records |
| Album | Highway 61 Revisited |
Desolation Row ist ein Folksong von Bob Dylan, der erstmals 1965 auf seinem Studioalbum Highway 61 Revisited erschien.
Das elfminütige Versepos besteht aus zehn Strophen zu je zwölf Versen und gehört zu den längsten Songs, die Dylan in seiner Karriere geschrieben hat (nur Highlands auf Time Out of Mind, Tempest auf dem gleichnamigen Album, Sad Eyed Lady of the Lowlands auf Blonde on Blonde sowie Murder Most Foul auf Rough and Rowdy Ways haben eine längere Laufzeit). Im Text des Songs wurde eine Aneinanderreihung surrealistischer Metaphern, von anderen eher die Collage einer hyperrealistischen Dystopie gesehen.
Entstehung
Dylan nahm Desolation Row erstmals am 29. Juli 1965 mit Harvey Brooks am Bass und Al Kooper an der E-Gitarre auf. Er selbst spielte Akustikgitarre und Mundharmonika. Diese erste Fassung erschien jedoch erst 2005 auf The Bootleg Series Vol. 7: No Direction Home – The Soundtrack. Kooper schrieb später, diese Fassung hätte gut zum „Punk-Charakter des restlichen Albums“ gepasst, und es sei nur schade gewesen, dass der Schlagzeuger nicht mehr anwesend gewesen sei.[1]
Die 1965 auf Highway 61 Revisited veröffentlichte Version enthält Gitarrenparts von Charles Ray McCoy und Russ Savakus (Bass). Dylan spielte Gitarre und Mundharmonika; die Fassung hatte erneut eine Laufzeit von über elf Minuten, jedoch war der Song diesmal eine akustische Folknummer. Ein besonderes Flair erhielt diese Version des Songs durch die – mexikanisch oder spanisch anmutenden[2] – prägnanten Gitarrenfiguren Charlie McCoys.
Inhalt
Der Titel
Eine weithin akzeptierte Erklärung des Songtitels geht davon aus, dass Dylan zwei Buchtitel – das erste Wort von Jack Kerouacs Desolation Angels und das zweite von John Steinbecks Cannery Row – miteinander verband.[3] Kerouacs Buch war nur wenige Wochen vor der ersten Aufnahme von Desolation Row erschienen und eine Textstelle ist ein wörtliches Zitat aus dem Buch;[4] das Buch Steinbecks erwähnte er ein paar Monate später explizit im Text des Anfang 1966 aufgenommenen Songs Sad Eyed Lady of the Lowlands.[5]
Der Text
Es gilt als gesichert, dass Dylan mit zwei Versen der Eröffnungsstrophe – They’re selling postcards of the hanging und The circus is in town – das historische Ereignis der Lynchmorde von Duluth zum Ausgangspunkt des Songs macht. In Duluth hatte im Juni 1920 ein Zirkus Station gemacht, und nach einer ihnen – wie sich später herausstellte, zu Unrecht – vorgeworfenen Vergewaltigung einer jungen weißen Frau wurden sechs schwarze Zirkusleute festgenommen und drei von ihnen am folgenden Abend von einem aufgehetzten Mob gelyncht. Bob Dylan selbst ist in Duluth geboren, und seine Großeltern väterlicherseits wohnten dort auch bereits zum Zeitpunkt der Lynchmorde.[6]
In der Desolation Row findet ein mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnetes Spektakel statt:
- eine Show – the Good Samaritan [...] / he’s getting ready for the show,
- ein Jahrmarkt – he’s going to the carnival tonight,
- ein Fest – they’re getting ready for the feast.
Eine Vielzahl von Figuren findet sich dort ein – Figuren, wie man sie durchaus in einem Zirkus oder auf einem Jahrmarkt antreffen kann: ein Seiltänzer, tight-rop walker, oder eine Wahrsagerin, fortune-telling lady. Vor allem aber sind es Figuren, die aus realer Geschichte oder fiktiven, teils biblischen, Stoffen bekannt sind: vom Physiker Einstein bis zum Phantom der Oper, von den Schriftstellern Ezra Pound und T. S. Eliot bis zu Kain und Abel. Angefangen vom blinden Polizeichef, dem blind commissioner, den man in Trance versetzt und an den Seiltänzer gefesselt hat, werden alle diese Figuren – in den ersten neun Strophen des Songs – in bizarrste Szenerien versetzt. Über Einstein heißt es, er schnüffele an Dachrinnen und sage dabei das Alphabet auf – he went off sniffing drainpipes / reciting the alphabet.
Vor einer, von einigen Interpreten angestrebten, Deutung kann bereits das Verständnis des Songtextes unterschiedlich sein.
Es ist nicht immer eindeutig klar, wie einzelne Begriffe oder Songzeilen zu verstehen sind:
- Cinderella, she seems so easy – das kann einerseits heißen, Cinderella sei von eher schlichtem Gemüt oder nehme die Dinge leicht hin,[7] kann aber andererseits auch heißen, sie sei leicht zu verführen, sei schnell für ein sexuelles Abenteuer zu haben.
- Ophelia, [...] she wears an iron vest – ist dieser Vers wörtlich zu verstehen ? Im Sinne: „Ophelia trägt eine Eisenweste.“[8] Oder ist immerhin ein bestimmter Gegenstand gemeint ? Zum Beispiel im Sinne eines Synonyms: „Ophelia trägt einen Keuschheitsgürtel.“[9] Oder ist die iron vest metaphorisch gemeint ? Zum Beispiel im Sinne: „Ophelia ist kalt und unnahbar.“
- Dr. Filth, he keeps his world / Inside of a leather cup – bewahrt Dr. Filth seine Welt in einem „Lederbecher“ oder in einem „ledernen Würfelbecher“[10] oder in einem „Hodenschützer“?[11]
In der letzten, der zehnten Strophe des Songs teilt der Sänger dann mit, dass er alle erwähnten Figuren kenne, dass sie in Wahrheit lahm oder langweilig seien – they’re quite lame. Er habe ihr Äußeres geändert – I had to rearrange their faces, und er habe ihnen andere Namen gegeben – and give them all another name. So stellt sich für den Hörer die Frage: Wer ist mit all diesen Figuren gemeint? Oder, wie Greil Marcus fragt: Wo ist Desolation Row?[12]
Selbstzeugnis
Bob Dylans eigene Worte über den Song:
„That’s a minstrel song through and through. I saw some ragtag minstrel show in blackface at the carnivals when I was growing up, and it had an effect on me, just as much as seeing the lady with four legs.
(Das ist durch und durch ein Minstrel-Lied. Als ich aufwuchs, sah ich auf den Jahrmärkten hin und wieder eine dieser zusammengewürfelten Minstrel Shows in Blackface – und das hat mich genauso geprägt wie der Anblick der Dame mit den vier Beinen.)“
Rezeption
Legendär war Bob Dylans Auftritt am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall in Manchester. Dort, wie bei anderen Konzerten im Jahre 1966, spielte Dylan Songs akustisch und mit Band und Desolation Row gehörte zu den zuerst genannten.[14] Eine weitere Live-Version erschien, mit gekürztem Text, 1995 auf dem Album MTV Unplugged.
Seit dem Erscheinen des Songs auf Highway 61 Revisited ist viel über ihn geschrieben worden. Er gilt gemeinhin als eines der besten Stücke von Dylan und als Klassiker der modernen Musikgeschichte. Als die Zeitschrift Rolling Stone 2004 ihre Liste der 500 besten Songs aller Zeiten herausbrachte, landete Desolation Row auf Rang 185,[15] in der bisher zuletzt 2024 erstellten Liste rangiert der Song auf Platz 83.[16]
Die Zeitschrift Uncut brachte im Mai 2026 eine aktualisierte und kommentierte Liste der besten Dylan-Songs heraus und platzierte darin Desolation Row auf Rang 7,[17] Mojo setzte das Stück im September 2005 in seiner Liste auf Platz 4.[18]
Mick Jagger bezog sich 2011 in einem kurzen Text über Desolation Row für das Magazin Rolling Stone auf den Vergleich des Songs mit dem Gedicht The Waste Land (Das wüste Land) von T. S. Eliot aus dem Jahr 1922. The Waste Land gilt als „vieldeutige und vielsagende Versdichtung“ über „die Umwälzungen eines neuen Jahrhunderts mitsamt den dadurch verursachten Schrecken“.[19]
„Jemand hat gesagt, dass „Desolation Row“ Dylans Version von „The Waste Land“, der Einöde, ist. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, aber es ist eine wunderbare Sammlung an Sprachbildern – eine Art fantastische Pflanze – die deine Fantasie wirklich anregt.“
Coverversionen
My Chemical Romance nahm Desolation Row für den Soundtrack des Films Watchmen – Die Wächter auf. Die Single war in den amerikanischen Charts sehr erfolgreich. Auch Grateful Dead haben sich an dem Song versucht. Ab den 1980er Jahren spielten sie ihn auf Konzerten. Fabrizio De André nahm eine italienische Version des Stücks auf. Chris Smither und Robyn Hitchcock nahmen weitere Versionen des Songs auf. Desolation Row erschien 1993 mit schweizerdeutschem Text auf dem Album BOB DYLAN SONGS – Mundart von Toni Vescoli, eine frühere englische Coverversion nahm er 1966 mit seiner Band Les Sauterelles auf.[21]
Literatur
- Bob Dylan: Songtexte 1962–1985. Deutsch von Carl Weissner und Walter Hartmann. Zweitausendeins, Frankfurt 1987, ISBN 3-86150-052-3.
- Bob Dylan: Lyrics. Sämtliche Songtexte 1962–2012. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen von Gisbert Haefs. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016, ISBN 978-3-455-00016-0. Darin die deutsche Übersetzung von Desolation Row. S. 359–363.
- Greil Marcus: Where Is Desolation Row? In: The Threepenny Review, Spring 2000. Wiederveröffentlicht in: Bob Dylan by Greil Marcus, PublicAffairs, New York 2010, ISBN 978-1-58648-831-4. Deutsche Übersetzung in: Greil Marcus über Bob Dylan, Edel Books, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0137-8.
- Greil Marcus: Folk Music – A Bob Dylan Biography in Seven Songs. Yale University Press 2022, ISBN 978-0-300-25531-7. Darin das Kapitel Desolation Row / 1965.
- Hans-Georg Lützenkirchen: „On Desolation Row“. Die Faszination eines Bob-Dylan-Songs aus dem Album „Highway 61 Revisited“. In: Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Essen: Klartext, 2007, S. 331–340.
Weblinks
- bobdylan.com: Songtext und Liste aller Veröffentlichungen des Songs in Studio- und Live-Versionen auf Dylan-Alben
- Akkordfolge des Songs bei dylanchords.com
- Fans diskutieren über mögliche Interpretation
- Versuch einer visuellen Interpretation
- Geschichtliche und andere Anmerkungen zum Text
Einzelnachweise
- ↑ Al Kooper: Liner Notes im Booklet von The Bootleg Series Vol. 7: No Direction Home – The Soundtrack. Dort im Original: „It certainly marries that song with the punkness of the rest of the album. […] Too bad the drummer had already gone home when we cut it.“
- ↑ Greil Marcus schrieb, McCoy würde, ähnlich der Gitarrenbegleitung des Songs El Paso von Marty Robbins, das „south-of-the-border feeling“ einfangen. (In: Where Is Desolation Row?; s. Literatur.) Und auch Mick Jagger betonte in einem kurzen Interview zu seinem „favourite Dylan song“, wie sehr ihm die halb-spanisch angehauchten Gitarrenlinien McCoys gefielen. (Mick Jagger: My favourite Dylan song – by Mick Jagger, Marianne Faithfull, Tom Jones, Judy Collins and more. In: The Guardian. 24. Mai 2021, abgerufen am 4. Juli 2026 (englisch): „I love the lovely half-Spanish guitar lines from the session guitarist, Charlie McCoy.“)
- ↑ Sean Wilentz: Bob Dylan in America. Doubleday, New York 2010, S. 82. Hier wiedergegeben nach Jeremy Boorum: Bob Dylan’s America: American Culture on “Desolation Row”; veröffentlicht bei journals.psu.edu der Pennsylvania State University (englisch; abgerufen am 29. Mai 2026).
- ↑ „a perfect image of a priest“: In Kerouacs Roman bezieht sich diese Formulierung auf die Figur David D’Angeli, in Dylans Song auf „the Phantom of the Opera“.
- ↑ „With your sheet-metal memory of Cannery Row …“.
- ↑ Greil Marcus: Desolation Row / 1965; in: Folk Music – A Bob Dylan Biography in Seven Songs (s. Literatur).
- ↑ Gisbert Haefs übersetzt den Vers mit Aschenputtel wirkt so gelassen. (s. Literatur).
- ↑ So Gisbert Haefs in seiner Übersetzung (s. Literatur).
- ↑ So übersetzt Carl Weissner (s. Literatur).
- ↑ So lautet die Übersetzung bei songtexte.com (abgerufen am 13. Juli 2026).
- ↑ So Gisbert Haefs in seiner Übersetzung (s. Literatur).
- ↑ Greil Marcus: Where is Desolation Row? (s. Literatur).
- ↑ Edna Gundersen: Dylan is positively on top of his game (Interview for USA Today, 10. September 2001).
- ↑ Ein Mitschnitt dieses Konzerts wurde als Volume 4 der Bootleg Series veröffentlicht.
- ↑ Archiv der Rolling Stone-Site auf Web.Archive ( vom 22. Juni 2008 im Internet Archive)
- ↑ The 500 Greatest Songs of All Time. In: Rolling Stone. 16. Februar 2024, abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Bob Dylan’s 40 greatest songs… ranked! in UNCUT vom 24. Mai 2026, abgerufen am 30. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Mojo Magazine im September 2005- abgerufen am 22. Februar 2013.
- ↑ Eberhard Falcke: Nicht einmal Einsamkeit. Buch der Woche: „Das öde Land“ von T. S. Eliot. In: Deutschlandradio Kultur. 21. Dezember 2008, abgerufen am 23. Februar 2013.
- ↑ Mick Jagger: Bob Dylan wird 70: Mick Jagger über den Song „Desolation Row“, in: Rolling Stone, 20. Mai 2011, abgerufen am 8. Juni 2026.
- ↑ "Les Saterelles" bei discogs.com.
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