Beneventana

Federproben mit mehreren Beneventana-Alphabeten (Montecassino, Archivio dell’Abbazia, MS 269, p. 352).

Die Beneventana ist eine langobardische Buchschrift, die vor allem im mittelalterlichen Süditalien verbreitet war. Am bekanntesten ist der Stil von Monte Cassino.

Name und Forschungsgeschichte

Ihren Namen erhielt die Beneventana von Elias Avery Lowe nach dem Herzogtum Benevent in Süditalien, wo sie weit verbreitet war.[1] In der älteren paläografischen Forschung wird die Beneventana auch als (littera) Langobarda, Longobarda oder Longobardisca bezeichnet und den Nationalschriften gezählt. Beides geht auf Jean Mabillon zurück, der seinerseits den schon älteren Ausdruck littera longobarda aufgriff. Wie Ludwig Traube nachwies, fasst Mabillon unter dem Begriff der Longobardisca sowohl Handschriften aus süditalienischen als auch aus nordfranzösischen Skriptorien des früheren Mittelalters zusammen, was zu erheblichen Fehlschlüssen zur Entwicklung der lateinischen Schrift in Europa führte, insbesondere auch hinsichtlich der Entstehung der karolingischen Minuskel.[2]

Lowes Studie von 1914 gilt bis heute als Meisterwerk. Nachdem er selbst bis zu seinem Tod immer wieder auch zur Geschichte der Beneventana gearbeitet hatte, hat die jüngere Forschung vor allem das Corpus der bekannten Handschriften vergrößert, die unterschiedlichen Stile differenziert und ein neues Modell der Weiterentwicklung der Schrift in Monte Cassino erarbeitet.[3]

Entstehung und Verbreitung

Die älteren Formen der Beneventana haben sich seit Mitte des 8. Jahrhunderts aus einer italienischen Minuskel entwickelt.[4] Die genauen Beziehungen zu älteren Schriften (z. B. denen aus Nonantola) sind umstritten.[3] Die jüngeren Formen sind vom 11. bis zum 13. Jahrhundert in Gebrauch. Gegen die ältere Forschung hat Francis Newton für eine vergleichsweise plötzliche Weiterentwicklung des Montecassiner Stils in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts (unter Abt Desiderius) argumentiert.[5] Einzelne in Beneventana geschriebene Handschriften sind bis ins 16. Jahrhundert nachweisbar.

Schriftproben des Montecassino- und des Bari-Typs der Beneventana.

Die Beneventana ist vorrangig im Süden der Italienischen Halbinsel verwendet worden, wenn auch auf der dalmatinischen Adriaküste Schreibzentren nachgewiesen werden können. Bereits im 9. Jahrhundert war sie in Süditalien weit verbreitet. Die beiden Hauptzentren, in denen die Schrift gepflegt wurde, sind das Kloster Monte Cassino und die Skriptorien in Bari. Der Bari-Typus ist eine Fortentwicklung des Typus, der in Monte Cassino im 10. Jahrhundert geschrieben worden ist.[6]

Merkmale

Typische Merkmale sind das ‚oc‘-a, das zweistöckige e, das lange r und das t (alle z. B. in Z. 1: credita), die unterschiedlichen ti-Ligaturen (z. B. in Z. 3: cōsentientibus), und der einer ‚3‘ ähnelnde Nasalstrich (Ende Z. 1). - Aus einer Montecassiner Handschrift des späten 12. Jahrhunderts (Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 4939, fol. 16r).

Die Beneventana ist eine Minuskelschrift. In ihrer Hochphase im 11./12. Jahrhundert (Lowe) sind die in der Mitte gedrehten Schäfte der Buchstaben charakteristisch. Brechung und Bogenverbindungen gehören ebenfalls zu den kennzeichnenden Merkmalen des Montecassiner Stils, während der Bari-Typus stärker gerundet ist. Die Schrift ist insgesamt ligaturenreich. Insbesondere ei, fi, gi, li, ri und ti werden immer als Ligatur geschrieben; in ei, gi, li, ri und ti erhält das i erhält dabei jeweils eine Unterlänge (wie modernes j). Auch andere Ligaturen sind häufig, sehr häufig sind außerdem Verbindungen, die die Form der verbundenen Buchstaben nicht ändern. Nur wenige Buchstaben können jeweils zwei Formen haben (Allographe), insbesondere einfaches und gebrochenes (zweistöckiges) c sowie kleines i und i longa.[1]

Leitbuchstaben der Beneventana sind:[4]

  • das „oc“-förmige a, das in den älteren Handschriften oben offen, in der Art eines „cc-a“ ausgeformt ist;
  • das e mit langem Mittelstrich und Oberlänge, das dem doppelstöckigen, in der Mitte gekerbten c ähnlich ist, typisch für die Beneventana aus Bari;
  • das g mit offener Rundung oben und unten;
  • die i longa für halbvokalisches i und oft am Wortanfang;
  • das pfahlförmige r in der älteren Form der Beneventana (und in Ligaturen);
  • das t mit links eingerolltem Querbalken (dadurch dem a ähnlich).
Gut erkennbar die unterschiedlichen ti-Ligaturen in intimauerit (Z. 2) und patiatur (Z. 3) und die unterschiedlichen i: kurz in om̄ibus, als i longa am Anfang von intimauerit, mit Unterlänge in den Ligaturen in der Wortmitte (alles Z. 2); wieder anders in der fi-Ligatur in officiis (Z. 5). - Aus Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat. lat. 4939, fol. 17v.

Eine Besonderheit der Beneventana ist der unterschiedliche Gebrauch zweier ti-Ligaturen:[1] Die „überschlagene“ ti-Ligatur, die einer stehenden „8“ ähnlich sieht, bezeichnet den tsi-Laut (wie in amicitia), während die „liegende Acht“ für einfaches ti verwendet wird (wie in contineri). Die ältesten in Beneventana geschriebenen Handschriften einschließlich des Bamberger Codex Msc.Patr. 61 weisen diese Unterscheidung noch nicht auf.

Eine ausschließlich in der Beneventana, dort aber häufig gebrauchte Abkürzung ist eine ei-Ligatur mit einem waagrechten Strich durch die Unterlänge des i (für eius).

Typisch ist auch das Kürzungszeichen, das häufig über dem Kürzungsstrich einen Punkt setzt. Für schließendes m wird statt eines Nasalstrichs gerne ein über die Zeile gesetztes, einer „3“ ähnelndes Kürzel verwendet.

Handschriften

Institutiones des Cassiodor, Bamberg, Staatsbibliothek, Msc.Patr.61, fol. 4v.

Elias Avery Lowe und später Virginia Brown haben in umfangreichen Studien die in Beneventana geschriebenen Handschriften erfasst.[7][8][9] Das von Brown, Roger E. Reynolds und Richard F. Gyug geleitete Projekt Monumenta Liturgica Beneventana (am Pontifical Institute of Mediaeval Studies in Toronto) haben ebenfalls zahlreiche Neufunde hervorgebracht.[10] Ein eigenes Peridicum erfasst seit 1992 entsprechende Handschriften und publiziert Handschriften-Beschreibungen und andere Forschungsbeiträge.[11] Kannte Lowe 1914 etwa 600 in Beneventana geschriebene Codices, waren Anfang des 21. Jahrhunderts bereits deutlich über 2000 solcher Handschriften bekannt.[3]

Die große Mehrheit der Codices in Beneventana sind für den liturgischen Gebrauch produziert worden; Rechtshandschriften und Abschriften klassischer lateinischer Literatur (einschließlich der Kirchenväter) machen einen kleineren Anteil aus. Roger Reynolds hat die Beneventana daher als monastische und „liturgische Schrift par excellence“ bezeichnet.[12] Neben Codices sind die Exultet-Rollen eine zweite wichtige Gruppe von Handschriften in Beneventana.[13] Eine stärker kursive Version war auch als Urkundenschrift verbreitet.

Zu den ältesten Zeugnissen gehört die Bamberger Cassiodor-Handschrift (Msc.Patr.61), die älteste und beste Überlieferung seiner Institutiones divinarum et saecularium litterarum.

Literatur

  • Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. Mit einer Auswahlbibliographie 1986–2008 von Walter Koch (= Grundlagen der Germanistik Band 24), 4. Auflage Berlin 2009. ISBN 978-3503098842, S. 148–151.
  • Guglielmo Cavallo: Struttura e articolazione della minuscola beneventana tra i secoli X–XII. In: Studi medievali. 3. ser. 11 (1970), S. 343–368.
  • Alfonso Gallo: Contributo allo studio delle scritture meridionali nell’alto medio evo. In: Bulletino dell’Istituto Storico Italiano. 47 (1931), S. 333–350.
  • Elias Avery Lowe: The Beneventan Script. A History of the South Italian Minuscule. Oxford 1914. Digitalisathttp://vorlage_digitalisat.test/1%3D%7B%7B%7B1%7D%7D%7D~GB%3D~IA%3Dbeneventanscript00loweuoft~MDZ%3D%0A~SZ%3D~doppelseitig%3D~LT%3D~PUR%3D
  • Elias Avery Lowe: Scriptura Beneventana. Facsimiles of South Italian and Dalmatian Manuscripts from the Sixth to the Fourteenth Century, Oxford 1929 [= Tafelband zu Beneventan Script.]
  • Elias Avery Loew [= Lowe], Virginia Brown: The Beneventan Script. 2 Bde., 2. Auflage, Rom 1978–1980. [Band 1 ist ein Nachdruck von Lowes Monographie von 1914; Band 2 enthält die von Lowe und Brown erstellte Hand List of Beneventan Manuscripts.]
  • Francis Newton: The Scriptorium and Library at Monte Cassino, 1058–1105. Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 978-0-521-58395-4 (online).
  • Viktor Novak: Scriptura Beneventana s osobitim obzirom na tip dalmatinske beneventane. Zagreb 1920.
Commons: Beneventan script – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Elias Avery Lowe: The Beneventan Script. A History of the South Italian Minuscule. Oxford 1914.
  2. Elias Avery Lowe: The Beneventan Script. A History of the South Italian Minuscule. Oxford 1914, S. 23–25.
  3. a b c Francis Newton: Fifty Years of Beneventan Studies. In: Archiv für Diplomatik 50 (2004), S. 327–346. doi:10.7788/afd.2004.50.jg.327
  4. a b Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. Mit einer Auswahlbibliographie 1986–2008 von Walter Koch (= Grundlagen der Germanistik Band 24), 4. Auflage Berlin 2009. ISBN 978-3503098842, S. 148–151.
  5. Francis Newton: The Scriptorium and Library at Monte Cassino, 1058–1105. Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 978-0-521-58395-4 (online).
  6. Bernhard Bischoff: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters. Mit einer Auswahlbibliographie 1986–2008 von Walter Koch (= Grundlagen der Germanistik Band 24), 4. Auflage Berlin 2009. ISBN 978-3503098842, S. 148–151.
  7. Elias Avery Lowe: A new list of beneventan manuscripts. In: Collectanea Vaticana in honorem A. M. card. Albareda, Città del Vaticano1962 (Studi e testi 220), S. 211–244 = ders., Palaographical Papers II, Oxford 1972, S. 417–479.
  8. Elias Avery Loew, Virginia Brown: The Beneventan Script. Band 2: Handlist of Beneventean Manuscripts. Rom 1980.
  9. Virginia Brown: A second new list of beneventan manuscripts. Studi medievali 40 (1978) 239–289.
  10. Virginia Brown: Beneventan Discoveries: Collected Manuscript Catalogues, 1978–2008, ed. Roger E. Reynolds. Toronto, 2012.
  11. Francesco Bianchi, Antonio Magi Spinetti: BMB. Bibliografia dei manoscritti in scrittura Beneventana. Rom 1993 ff. https://bmb.unicas.it/bmb/volumi.html
  12. Roger E. Reynolds: Canonistica Beneventiana. In: Peter Landau, Jörg Müller (Hrsg.): Proceedings of the Ninth International Congress of Medieval Canon Law: Munich, 13–18 July 1992 (= MIC. Subsidia. Band 10). Biblioteca Apostolica Vaticana, Città del Vaticano 1997, S. 21–40, hier S. 21 und 25.
  13. Guglielmo Cavallo: Rotoli di Exultet dell’Italia meridionale. Bari 1973.

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