Backwardation

Temporales Verhalten von Vorwärtskurven in Abhängigkeit vom jeweils zu erwarteten zukünftigen Preis. Der Wert eines Terminkontrakts in Contango-Situation sinkt normalerweise so lange, bis er bei Fälligkeit dem Kassapreis (Spot) des zugrundeliegenden Rohstoffs entspricht (Konvergenz).

Backwardation[1], teilweise auch als Backwardization oder Inverted Market bezeichnet, beschreibt eine Preissituation bei Warentermingeschäften (Futures).[2]

Futures sind ein Instrument des Risikomanagements. Ein Terminkontrakt bietet Marktteilnehmern eine Absicherung gegen Preisänderungen (Hedging), sowohl für Käufer als auch für Verkäufer.

Die gegenteilige Marktsituation von Backwardation wird als Contango bezeichnet.

Definition

Bei Backwardation liegt der Terminkurs bei Fälligkeit / Verfall des Terminmonats (Liefertermin in der Zukunft) unter dem aktuellen Kassakurs (Spot), was einen „umgekehrten“ Futures-Markt darstellt: Futures < Spot.

Im Sprachgebrauch der Londoner Börse bezeichnet „Backwardation“ eine Gebühr, die ein Verkäufer von Aktien (oder Wertpapieren) an den Käufer für das Privileg der Lieferverzögerung zahlt.[1]

Die Futures-Kurve ist daher typischerweise nach unten geneigt, da die Terminkontrakte somit bei tieferen Preisen – infolge gegenwärtig erhöhter Nachfrage – gehandelt werden. Backwardation führt für Spekulanten zu „Rollgewinnen“ oder positive „Rollrendite“.[3]

Die negative Steigung oder fallende Terminkurve wäre beispielsweise gegeben, wenn Preise für kurzfristige Lieferung (wenige Monate) höher sind als Preise in der Zukunft (mehrere Monate), z. B. 110 US-Dollar nächsten Monat gegenüber 80 US-Dollar in sechs Monaten.

Betrachtet man die Preisdifferenz zwischen dem Kontrakt für den nächsten Liefermonat und dem Kontrakt für den sechsten Monat als Maßstab für den Rohölmarkt, so zeigt sich, dass sich dieser Markt seit 1985 etwa zu 58 % der Zeit in Backwardation und zu 42 % der Zeit in Contango befand. Erdöl wird als Energierohstoff (Commodity) an den weltgrößten Terminbörsen der CME Group und der ICE Futures gehandelt.[4]

Verallgemeinert kann der Begriff Backwardation auch bei Preisen angewendet werden, die nichts mit Futures zu tun haben, sofern ein analoges Muster in der Preisgestaltung vorliegt. Wenn es beispielsweise mehr kostet, eine gewisse Menge Silber für 30 Tage als Sachdarlehen zu erhalten als dieselbe Menge für 60 Tage als Sachdarlehen zu erhalten, dann kann man von „Backwardation“ des Silberkurses sprechen.

Entstehungsgründe

  • Erhöhte akute Nachfrage oder Angebotsknappt sind bekannte Gründe die zu einer Backwardation führen. Die aktuell vorhandene Nachfrage im physischen Markt ist größer als die Nachfrage in der Zukunft, oder anders gesagt, eine signifikante Anzahl an Käufern benötigt den Rohstoff sofort und nicht erst in Wochen oder Monaten. Entsprechend kann auch eine plötzliche akute Verknappung des Angebots zu dieser Situation führen, wenn die Käufer davon ausgehen, dass die Preise in der Zukunft sinken, bzw. sich das Angebot wieder ausweiten wird.
  • Ein weiterer Grund für Backwardation ist, dass die Verkäufer mit sinkenden Preisen am Kassamarkt in der Zukunft rechnen oder sich aus anderen Gründen „absichern“ wollen, beispielsweise weil zwischen Produktion und Lieferung ein längerer Zeitraum liegt. Der Verkäufer ist dann unter Umständen bereit, für die Lieferung in der Zukunft einen niedrigeren Verkaufspreis zu akzeptieren, was Backwardation begünstigt.
  • Im Gegensatz zu Contango kann die Backwardation-Situation nicht so leicht durch den Markteinstieg von bis dahin branchenfremden Arbitrageuren, wie beispielsweise Hedgefonds, abgeschwächt werden. Allenfalls können Marktakteure, die tatsächlich schon über Lagerbestand verfügen, diesen aber nicht benötigen, ihn kurzfristig am Markt anbieten und sich zum Ausgleich mit Futures eindecken.

Normal Backwardation

Der britische Ökonom John Maynard Keynes argumentiert in seinem Buch A Treatise on Money aus dem Jahre 1930 (Kapitel 29), dass Backwardation keine „abnormale“ Marktsituation darstellt, sondern als „normal backwardation“ von der Tatsache herrührt, dass sich Warenproduzenten eher gegen ihr Preisrisiko absichern wollen als potenzielle Kunden. Ein akademischer Disput über diese Frage verläuft bis heute.[5]

Kontroversen

Referenzpreise für Öl

Die Ölindustrie vollzog in den 1970er bis 1980er-Jahren eine Wende hin zu marktbasierten Referenzpreisen; seither bestimmen marktbasierte Preissignale den Handel. Fachleute warnen jedoch, dass die Abhängigkeit von marktgenerierten Referenzpreisen Probleme verursachen kann.[6] Die Terminmärkte reflektieren Lagerbestände: Ein Rückgang der Bestände signalisiert Knappheit und treibt die Ölpreise tendenziell nach oben (verstärkte Backwardation), wodurch der Aufbau zusätzlicher Lagerkapazitäten hemmend wirkt. Steigende Lagerbestände drücken dagegen die Ölpreise (verstärkter Contango) und begünstigen weiteren Lageraufbau. Diese Rückkopplungen können verstärkend wirken, doch Lager- und Finanzierungskosten, Produktionsanpassungen, Arbitrage, strategische Reserven sowie politische oder regulatorische Eingriffe dämpfen die Dynamik; sie verhindern in der Praxis meist eine unendliche Selbstverstärkung, sodass nur sehr starke Schocks langfristige Trendwenden erzwingen würden.

Irankrieg 2026 Ölfreigaben

Im Zuge des Irankriegs im Jahr 2026 wurden massive Mengen Öl aus den strategischen Reserven (SPR) der USA und weiterer Mitglieder der Internationalen Energieagentur (IEA) freigegeben. Die Spotpreise stiegen auf über 100 US-Dollar, woraufhin das SPR-Öl geliehen und direkt verkauft werden konnte. Zeitgleich befand sich der Ölmarkt tendenziell in Backwardation, das heißt, der Markt ging davon aus, dass das Ereignis kurzfristig sei, und bot den Teilnehmern gleichzeitig die Möglichkeit, spätere Käufe zu deutlich niedrigeren Preisen abzusichern. Die Situation ist jedoch komplizierter, als es scheint, da die SPR-Ölmengen mit einem Aufschlag von 20 % beglichen werden müssen. Es besteht also ein Ungleichgewicht bei den Volumina, welches es möglichen Bietern unmöglich macht, ihre späteren physischen Käufe präzise abzusichern. Dies hat auch zur Folge, dass die Ausschreibungen des US-Energieministeriums (DOE) für das SPR-Öl unterzeichnet werden.[7]

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b Masahiro Kawai: Backwardation. In: The New Palgrave Dictionary of Economics. Palgrave Macmillan UK, London 2018, ISBN 978-1-349-95188-8, S. 637–639, doi:10.1057/978-1-349-95189-5_444 (englisch, springer.com [abgerufen am 15. Juni 2026]).
  2. Backwardation im Börsenlexikon. In: wallstreet-online.de. Smartbroker Holding AG, abgerufen am 15. Juni 2026.
  3. Backwardation - Gewinne mit Rohstoffen auch in fallenden Märkten. In: Goldseiten.de. GS Management GmbH, 11. September 2007, archiviert vom Original am 12. Dezember 2025; abgerufen am 15. Juni 2026.
  4. Implications of WTI Oil Futures In Backwardation Amid the Supply Crunch. In: CME Group. 15. April 2026, abgerufen am 15. Juni 2026 (englisch).
  5. Gary Gorton, K. Geert Rouwenhorst: Facts and Fantasies about Commodity Futures. In: Financial Analysts Journal. Band 62, Nr. 2, März 2006, ISSN 0015-198X, S. 47–68, doi:10.2469/faj.v62.n2.4083 (englisch, tandfonline.com [abgerufen am 15. Juni 2026]).
  6. Robert Mabro: Oil Markets and Prices. In: Oxford Institute for Energy Studies. Abgerufen am 15. Juni 2026 (englisch).
  7. Underwhelming U.S. SPR system. In: CME Group. 11. Juni 2026, abgerufen am 15. Juni 2026 (englisch).

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